Shanghai: Das Millionen-Teile-Puzzle

Ming-Dynastie trifft auf minimalistische Beton-Architektur: In der Nähe von Shanghai hat das vierte AMAN-Resort in China eröffnet. Die 50 historischen Villen und die 10.000 Kampferbäume hatte ein schwerreicher Unternehmer aus Shanghai vor dem Untergang in den Fluten eines Stausees gerettet

45 Minuten südwestlich von Shanghai, in Maqiao im Außenbezirk von Minhang, liegt ein verträumtes, privates Waldgrundstück, der Gun San Garden. Wie in einer Märchenkulisse stehen hier tausende von Kampferbäumen, manche von ihnen mehr als tausend Jahre alt. Alle tragen eine nummerierte Plakette. Auf den langen Kanälen und Teichen zieht eine Gruppe schwarzer Schwäne ihre Kreise. Im Zentrum des Geländes steht eine prachtvolle Villa aus der Ming-Dynastie.

Was aussieht wie ein historisches Gelände, ist in Wirklichkeit gerade erst vor ein paar Jahren angelegt worden. Die Villa stammt aus dem 700 Kilometer entfernten Fuzhou und wurde erst 2005 hier wiederaufgebaut. Das Grundstück gehört dem schwerreichen Unternehmer Mr. Ma. Mit Immobilien und Finanzinvestments hat er Hunderte von Millionen verdient. Als Herr Ma vor 15 Jahren seine alte Heimatprovinz Jiangxi besuchte, hörte er, dass die Regierung einen Staudamm errichten wird, der das alte Dorf Fuzhou und den Kampferwald, in dem er als Kind gespielt hatte, im Stausee versinken lassen würde. Ma ertrug diese Vorstellung nicht: „Ich war geschockt,“ sagt er, „und ich war traurig“.

Da sein Business in Shanghai boomte, startete er einen Multimillionen teuren Umzug der Häuser und der Bäume. Zwischen 2002 und 2007 ließ er 50 Villen aus der Ming- und Qing-Dynastie in ihre Einzelteile zerlegen: Millionen Balken, Ziegel, Schindeln, Paneele, Reliefs, Säulen und Stuckelemente wurden durchnummeriert und katalogisiert. Die mehr als 10.000 Kampferbäume ließ er ausgraben, das Wurzelwerk und die Baumkronen kappen, und alles nach Shanghai transportieren. Obwohl die Bäume auf ein Mindestmaß zurückgestutzt wurden, mussten für den Transport Straßen tiefergelegt werden, um Brücken passieren zu können. Zehn Brücken mussten neu gebaut werden, damit die LKWs überhaupt von Fuzhou auf die Hauptstraße Richtung Shanghai gelangen konnten Dutzende von LKWs wurden dabei „verbraucht“. Außerdem erschwerten Springfluten das ambitionierte Projekt.

Wie in einem Millionen-Teile-Puzzle wurden die Einzelteile dann in Minhang akribisch wieder zusammengesetzt. Drei Jahre dauerte der Umzug und der Aufbau des ersten Gebäudes, 2005 stand das erste „Musterhaus“.  Auch die Kampferbäume wurden wieder eingegraben, in heimischer Erde und in der gleichen Himmelsrichtung aufgestellt wie an ihrem ursprünglichen Standort. Nach drei Jahren kamen die ersten frischen Triebe, 80 Prozent der Bäume überlebten. Der älteste von ihnen, der „Emperor Tree“, ein 80 Tonnen schweres Monstrum, steht heute mit einer roten „Bauchbinde“ versehen ganz zentral auf dem Rasengrundstück vor der Lobbyhalle.

„Mein Plan war eigentlich, aus der ersten wiederaufgebauten Villa eine Galerie, ein Museum oder ein Künstlerdorf zu bauen“, erinnert sich Ma. Die anderen 49 Villen lagerten derzeit immer noch in Millionen Einzelteilen auf einem Fabrikgelände in der Nähe. Jede Villa besteht aus rund 100.000 Puzzleteilen. 2009 hörte Ma, dass der australische Architekt Kerry Hill in Shanghai ein neues Hotelobjekt für die AMAN-Gruppe plante, nach dem Aman Summer Palace in Peking, dem Amanfayun in Hangzhou, und dem Amandayan in Lijiang das vierte Objekt in China.

Der visionäre Unternehmer aus Shanghai war wie elektrisiert. Er wusste nun, wie die Zukunft des geretteten Dorfs aussehen könnte. 2011 verkaufte seine Shanghai Gu Yin Real Estate Inc. das Dorf und den Wald an das Management der Luxusresort-Gruppe. Dem AMAN-Team beschrieb er seine Prioritäten so: „Erstens: Komfort, zweitens: Schönheit, drittens: Tradition.“ Auf einem 40 Hektar großen Grundstück in der Nähe der Mustervilla erlebten weitere Ming-Villen ihre Wiederauferstehung. Ein Team von 200 Handwerkern, Ingenieuren, Botanikern und auf antike chinesische Architektur spezialisierte Experten baute nicht nur die historischen Gebäude wieder auf: Neben den 13 alten Villen, die sich heute schon auf dem Gelände verteilen, wurden auch moderne, minimalistische Beton-Zwillinge der Villen gebaut. Die schroffe Betonarchitektur bewahrt das Resort vor dem Kitsch eines Freilichtmuseums.

Mr. Ma hatte schon beim Bau der Mustervilla bedacht, dass solch eine historische Hülle einen modernen Kern braucht, um heute noch bewohnbar zu sein: „Ein antikes Haus passt nicht mehr gut zum modernen Lifestyle, ohne Fenster, Klimaanlagen oder beheizte Fußböden, das ist einfach nicht komfortabel.“, sagt er, „man muss das Alte und das Neue nicht nur verstehen, sondern es auch zu mischen wissen.“

Nach diesen Leitlinien wird das Resort immer weiter ausgebaut. Anfang Januar wurde das Amanyangyun – was so viel heißt wie „Nourishing Clouds“, Nährende Wolken –  offiziell eröffnet. Die ersten Wochen sind schon ausgebucht. Die 25 Millionen Bewohner Shanghais und die globale Community der AMAN-Junkies wird für eine zufriedenstellende Auslastung sorgen. Mr. Ma geht davon aus, dass ihn dieses Projekt noch sein Leben lang weiter beschäftigen wird. Das Resort wird bald aus 49 Villen bestehen, die Hälfte davon als Privatresidenz inklusive Panic Room und unterirdischer Kunstgalerie, die ab 2019 auch käuflich zu erwerben sein werden, voraussichtlich für einen Preis nicht unter 15 Millionen Dollar. Im Kulturzentrum, dem Nan Shu Fang, benannt nach dem königlichen Lesepavillon in Pekings Verbotener Stadt, wird man Yoga- oder Kalligraphie-Kurse, Konzerte klassischer chinesischer Musik und Teezeremonien besuchen können.

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In der Rückschau auf die letzten 15 Jahre sagt Herr Ma: „Ich habe nur zwei Dinge gefühlt: Wenn ich es nicht versuche, würde ich es für den Rest meines Lebens bereuen. Und ich konnte es mir leisten, zu scheitern.“

Amanyangyun, 6161 Yuanjiang Road, Minhang District, Shanghai, China 201111;
Tel. +86 21 8011 9999, Fax: +86 21 8011 9900; E-Mail
amanyangyun.res@aman.com

www.aman.com/resorts/amanyangyun

Tetversion vom 10.01.2018 auf SPIEGEL ONLINE:
http://www.spiegel.de/stil/amanyangyun-resort-in-shanghai-das-millionen-teile-puzzle-a-1186972.html

 

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