Indien/ Pakistan: Grenz-Zeremonie als Touristenspektakel: Wer schmeißt die Beine am höchsten?

Die “Beating Retreat”-Zeremonie an der indisch-pakistanischen Grenze  in Attari-Wagah ist ein beeindruckendes Spektakel für Touristen und Patrioten. Bis zu 30.000 Menschen wollen dabei sein, wenn im Rahmen einer bizarren Mischung aus Militärparade, Cheerleading und bedrohlichem Grimassenschneiden die Fahnen eingeholt und die Grenze geschlossen wird.  Die wichtigste Frage dabei: Welches Land schmeißt die Beine am höchsten?

Jeden Abend, wenn die Sonne untergeht, entfaltet sich am Grenzübergang Attari-Wagah zwischen Indien und Pakistan ein gewaltiges Spektakel: Grenzsoldaten auf beiden Seiten paradieren im Stechschritt zum Grenztor, zeigen ausgefeilt choreografierte Formationen und holen in einem letzten feierlichen Akt die Fahnen ein. Die “Beating Retreat” genannte Zeremonie ist eine Mischung aus perfektem militärischem Drill und dramatischen Drohgebärden zwischen indischen und pakistanischen Grenzsoldaten, die teilweise wirkt wie vom “Ministry of Silly Walks” choreographiert und mit dem Imponiergehabe der neuseeländischen Maorikrieger angereichert. Das Grimassenschneiden, Schnurrbart-Zwirbeln, Augenrollen und vor allem das Beinschwingen bis über den Kopf hinaus folgen einer komplexen Dramaturgie.

Aus dem nur 30 Kilometer entfernten Amritsar im Norden des indischen Bundesstaates Punjab setzen sich auf der Grand Trunk Road nach Lahore schon Stunden vorher Dutzende von Reisebussen und Tausende von Privatfahrzeugen, Taxis und Auto-Rikschas Richtung Grenzübergang zu Pakistan in Bewegung. Amritsar ist eigentlich für den Goldenen Tempel berühmt, dem heiligsten Ort der Sikh-Glaubensgemeinschaft. Das UNESCO-Weltkulturerbe zieht täglich bis zu 150.000 Besucher aus aller Welt an. Mittlerweile hat sich aber der Besuch der Grenzschließung zu einer ebenbürtigen Touristenattraktion entwickelt. In der Stadt wimmelt es von Ticketverkäufern für die Bustouren. “Wagah Border, Wagah Border” hört man wie einen Singsang an jeder Straßenecke. Für die Grenzschließungszeremonie braucht man keine Tickets, sie ist kostenlos. 

Gruselig: Lahore is nur 22 Kilometer entfernt

Auf den riesigen Parkplätzen an der Grenzstation bei Attari warten auf der indischen Seite schon zahlreiche touristische Angebote auf die Ankommenden. Wer will, kann sich eine kleine indische Flagge in orange, weiss und grün auf die Wangen malen lassen, T-Shirts mit patriotischen Motiven kaufen oder sich mit Tee und Snacks für die große Show versorgen.

Lahore auf der pakistanischen Seite ist nur noch 22 Kilometer entfernt. Teils belustigt, teils mit einem leichten Grusel, wie nah das Territorium des verhassten Nachbarn ist, lassen sich die Besucher auf dem Grenzstein fotografieren. Die Attari-Wagah-Grenze ist der einzige Durchgang auf dem Festland, an dem Ausländer ein- und ausreisen dürfen, und zwar nur die. Weder indische noch pakistanische Bürger dürfen die Grenze einfach so passieren. Direktflüge zwischen den Ländern gibt es nicht. Touristen-Visa werden nicht ausgegeben. Die Vergabe von anderen Visa für Business- oder Familienbesuche ist stark eingeschränkt, die Beantragung führt auf beiden Seiten zu unangenehmen Fragen vonseiten der Behörden. Dementsprechend wenig ist – von ein paar westlichen Abenteuer- und Rucksacktouristen abgesehen – während der offiziellen Öffnungszeit zwischen 10 und 16 Uhr dort los.

Dann kommen die Besucher aus Amritsar. An normalen Tagen wollen diese bizarre Zeremonie auf der indischen Seite rund 20.000 Zuschauer sehen, am Wochenende und an Feiertagen sogar bis zu 30.000. Für die enthusiastisch feiernden Menschen hat man auf der indischen Seite Tribünen gebaut, die eher an ein Sportstadion erinnern. Auf der pakistanischen Seite geht es deutlich weniger laut zu: Dort finden nur 2.000 – 3.000 pakistanische Patrioten täglich auf deutlich kleineren Tribünen Platz und rufen “Pakistan Zindabad”. Aktuelle Bauarbeiten deuten an, dass man mit neuen Bauten zumindest ein bisschen mit der indischen Seite mithalten möchte.

Ein Offizier und Cheerleader

Offiziell wird der Grenzübergang um 16 Uhr geschlossen. Doch schon zwei Stunden vorher beginnen sich die Tribünen zu füllen. Manche der westlichen Touristen haben das Glück, von einem der BSF-Offiziere zu den Sitzplätzen direkt am Geschehen geleitet zu werden. Wer als Ausländer allerdings fühlen will, was diese Zeremonie für die indischen Besucher bedeutet, sollte auf dieses Privileg verzichten und auf den “normalen” Tribünen Platz nehmen. Hier ist die Atmosphäre die eines Rockkonzerts. Die indischen Besucher reagieren sehr herzlich auf das Interesse der “Foreigner”. Zahlreiche fliegende Tee- und Schokolriegelverkäufer huschen durch die Reihen der Zuschauer. Auf der für die Militärparade gesperrten Strasse, die durch die Tribünen hindurchgeht und auf das Grenztor zuläuft, tanzen schon nachmittags begeisterte junge Inder:innen zu patriotischen Songs. 

Die Zeremonie an der Wagah-Grenze hat ihre Wurzeln im Jahr 1947, dem Jahr der Teilung Indiens. Ursprünglich war die Zeremonie als formelle Form des Einziehens der Flaggen an der Grenze gedacht, hat sich aber im Laufe der Jahrzehnte zu einer lebendigen Demonstration von militärischer Präzision und Nationalstolz entwickelt. Der indische Brigadegeneral Mohinder Singh Chopra und der pakistanische Brigadegeneral Nazir Ahmed begründeten diese Tradition. 1959 führte man die heutige Choreographie ein.

Barometer und Spiegel für indisch-pakistanische Beziehungen

Ein völlig unbeschwertes Touristenspektakel ist dies nicht. Hier stehen sich keine befreundeten Nationen gegenüber, im Gegenteil. Das macht einen Teil der Spannung aus, die man während der Zeremonie auf den Rängen und vor allem zwischen den Soldaten am Tor spürt. Im Laufe der Jahre gab es Bemühungen, die aggressiven Gesten abzuschwächen und Elemente der Kameradschaft einzubauen. Im Jahr 2010 einigten sich beide Nationen darauf, die Feindseligkeit bei der Zeremonie zu verringern und führten Händeschütteln und Lächeln als Teil des Rituals ein. Doch gerade in den letzten Jahren verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern dramatisch. Mehrere Male fiel die Zeremonie wegen offener Kriegshandlungen oder Attentaten sogar aus. 2008 überzog eine Gruppe von Islamisten der Terrororganisation Laschkar-e-Taiba ganz Mumbai mit einer Welle von Anschlägen, unter anderem auch auf das berühmte Luxushotel Taj Mahal Palace. 166 Menschen starben. Unterstützt wurden die Anschläge vom pakistanischen Geheimdienst ISI. 2014 fielen einem Bombenanschlag auf pakistanischer Seite mehr als 60 Menschen zum Opfer, darunter auch drei Mitglieder der Pakistani Rangers. Zuletzt sorgte 2019 die Entführung des indischen Piloten Abhindandan Varthaman zu einem weiteren Tiefpunkt in den Beziehungen. 

Und auch der jüngste Vorfall vom 22. April hatte Konsequenzen für die Wagah Border-Zeremonie. Nachdem islamistische Terroristen der militanten Gruppe The Resistance Front (TRF) aus Pakistan auf den abgelegenen Baisaran-Wiesen bei Pahalgam in der nordindischen Region Jammu und Kaschmir 26 Touristen töteten, antwortete Indien mit militärischen Vergeltungsschlägen. Für drei Wochen fand keine Zeremonie statt. Auch der freundliche Handschlag wurde gestrichen. Konservative Politiker aus Indien forderten sogar das Ende des “Beating retreat”. Ab Mitte Mai fand die Zeremonie dann wieder statt. Allerdings blieb das Grenztor nun dauerhaft geschlossen.
Mittlerweile ist wieder Normalität eingekehrt, und die Touristen strömen wieder aus Amritsar zur Grenze. Laut Aussagen lokaler Medien fühlen sich die Besucher auf beiden Seiten wieder sicher. 

Dramatisches Augenrollen und aggressives Schnurrbartzwirbeln

Die meisten Zuschauer kommen schon am Nachmittag und feiern schon während des “Warm ups” bis zum Einholen der Fahnen, das sich über Stunden hinzieht. Während einige Soldaten schon direkt am Grenztor postiert sind, tauchen immer wieder kleine Gruppen von Soldat:innen auf der Straße vor den Tribünen auf und geben erste Kostproben ihres beeindruckenden Drills. Breitbeinig und mit drohenden Grimassen, die an die Haka-Tänze der neuseeländischen Maori-Krieger erinnern, versucht man die andere Seite zu beeindrucken. Ein Offizier der indischen Border Security Forces (BSF) heizt die Stimmung wie ein Cheerleader mit provozierenden Gesten Richtung pakistanischer Seite an. Immer wieder läuft er zwischen den Tribünen hin und her und animiert die Menge zu enthusiastischen “Hindustan”- oder “Jai Hind”-Rufen. 

Dann wird es spannend: Auf beiden Seiten marschiert eine Gruppe aus sechs Soldaten mit mächtigem, synchronem Stechschritt Richtung Tor, die Soldaten der Border Security Force (BSF) of India in Khaki-Uniform und einem roten Turban mit einem beeindruckenden Kamm, die der Pakistan Rangers in schwarzen Uniformen mit rotem Gürtel und ebenso hohem Turbankamm. Es beginnt ein bizarrer Wettkampf der Drohgebärden und einschüchternder Salute, einschließlich dramatischem Augenrollen und aggressiven Schnurrbartzwirbeln. Vor allem ist aber die Frage: Wer schmeißt die Beine am höchsten? 

Die Mitglieder der BSF, die diese fast akrobatischen Moves beherrschen müssen, die Füße bis über den Kopf zu schwingen, sind keine normalen Soldaten. Sie werden sorgfältig für ihre Rolle ausgewählt, wobei Kriterien wie körperliche Fitness, Größe und Ausstrahlung im Vordergrund stehen. Das Training konzentriert sich auf Präzision, Ausdauer und Synchronität. “Es kann bis zu zwei Jahre der Vorbereitung dauern, bis man die Routinen beherrscht“, sagt ein Ausbilder der BSF, “Den Soldaten wird beigebracht, jede Bewegung exakt auszuführen, von den hochbeinigen Schritten bis zum Timing des Grußes. Die Choreografie der Zeremonie erfordert ein unermüdliches Streben nach Perfektion.” Und schließlich müssten sich die Auszubildenden ja auch erst einmal einen Schnurrbart wachsen lassen, den man auch dramatisch zwirbeln kann.

Der letzte Akt: Handschlag und Flaggenfalten

Nach nur einer halben Stunde geht der “Beating Retreat” in die letzte Phase. Die Soldaten nehmen nun im letzten Akt die herabgelassenen Flaggen entgegen, falten sie und bringen sie mit dramatischem Stechschritten zurück in ihr Camp. Ein letzter Jubel der Besucher setzt den Schlussakkord. Beseelt strömen die Menschenmengen zu den Ausgängen. Eine chaotische Lawine aus Bussen, Autos und Auto-Rikschas setzt sich von den Parkplätzen aus zurück nach Amritsar in Bewegung. Das tausendfache Gehupe hat schon fast das Level eines Angriffs mit Sonarwaffen. Dann herrscht wieder Ruhe. Bis morgen, zur nächsten “Beating Retreat.”

Weitere Infos:

Die “Beating Retreat”-Zeremonie findet im Sommer um 16:15, im Winter um 17:15 statt. Ab 15 Uhr können die Besucher ihre Tribünenplätze einnehmen. Wer zuerst kommt, sitzt am besten.
Amritsar Tourism: https://amritsartourism.org.in/wagah-border-amritsar
Incredible India: https://www.incredibleindia.gov.in/en/punjab/amritsar/attari-wagah-border

So kommen Sie hin:
Mit dem Bus
Um 14 Uhr (im Sommer 15 Uhr) setzen sich die Busse vom zentralen Maharaja Ranjit Singh Square in der Nähe des Golden Temple in Bewegung. Die Fahrt bis zur Grenze dauert eine Stunde. Die Fahrgäste können zwischen dem unteren geschlossenen Bereich oder der offenen Dachebene im Bus wählen.
Nach der Zeremonie fahren die Busse gegen 18:30/ 18:45 Uhr wieder zurück nach Amritsar. Zirka 19:30/ 20 Uhr (je nach Verkehrslage) ist man wieder in der Stadt. Dauer: 15 – 20 Uhr. Kosten: 350 Rupees (3,90 Euro)
Ticketbuchung für die Busse: https://amritsardekho.com/hop-third-package/

Mit dem Taxi/ Uber:
Auch mit dem Taxi sollte man spätestens um 14/ 15 Uhr die Stadt verlassen. Ein Taxi/ Uber hin und zurück kostet rund 15 Euro.

Dieser Artikel ist in einer leicht veränderten Version am 17.11.2025 auf WELT Online erschienen: „Beating Retreat“ am Grenzübergang – Wo der indisch-pakistanische Hass als Spektakel inszeniert wird

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