
Varanasi ist eigentlich keine Stadt, sie ist ein psychedelischer Zustand. Das Paralleluniversum am Ganges ist für Hindus eine der wichtigsten Pilgerstätten. Besonders eine magische Zeremonie ist zur gigantischen Touristenattraktion geworden: das allabendliche Ganga Aarti, ein beeindruckendes Ritual mit Feuerschalen, Glockenklängen und Gesängen, die die Seele reinigen sollen, zieht täglich bis zu 150.000 Besucher an. Und da es dadurch zu voll an Land ist, weichen immer mehr Zuschauer aufs Wasser aus.
Wenn die Sonne in Varanasi untergeht, kann es eng werden auf den vielen Treppenstufen, die zum Dasaswamedh Ghat am Ufer des Ganges hinunterführen, selbst für die an Menschenmassen und Gedränge gewohnten indischen Pilger. Schon lange bevor die heiligen Rituale der Ganga Aarti beginnen, versammeln sich die Besucher um die roten Baldachine, unter denen später die Priester vom nahe gelegenen Shri Kashi Vishwanath-Tempel die heiligen Rituale durchführen werden. Noch sind sie leer. Die vielen Treppenstufen am Ghat sind dagegen mit tausenden von Menschen besetzt.

Die prachtvolle Zeremonie fasziniert auch Besucher ohne religiösen Bezug. Die Rituale mit Feuerkelchen, Glockenklängen und Mantra-Gesängen sind ein spirituelles Spektakel, das tausende allabendlich erleben wollen, zumindest einmal im Leben. Und weil es an Land so voll ist, dass man das Ritual gar nicht sehen kann, weichen viele Hindus und “Foreigner” aufs Wasser aus, ein gutes Geschäft für die vielen kleinen Boots- und Schiffsbesitzer. Daraus hat sich eine eigene kleine Industrie entwickelt.
Wettrennen auf dem dunklen Ganges
Kurz vor Sonnenuntergang setzen sich unzählige Boote und größere Ausflugsschiffe vom gesamten Gangesufer aus zum Dasaswamedh Ghat in Bewegung, dem Teil des Flussufers, an dem die Zeremonie stattfindet. Von der Nussschale bis zur kleineren Fähre ist alles dabei. Fast wie in einem Wettrennen um den besten Platz vor den roten Baldachinen tuckern sie den Ganges hinunter.
Nach dem First Come First Serve-Prinzip suchen sie sich vor dem Ghat den Platz mit der besten Sicht und dümpeln dann Seite an Seite im Wasser wie massenhaft angeschwemmte Nußschalen. Immer wieder stoßen neue Boote hinzu, suchen sich ihre Lücke oder bilden die nächste Reihe, die unaufhörlich in den Fluss hineinwachsen. Nach einer Weile ist aus Dutzenden von Booten und Schiffen ein einziges, festlich leuchtendes Riesen-Floß entstanden. Vereinzelt springen sogar Tee- und Limonadenverkäufer von Boot zu Boot. Viele der größeren Fähren sind mit bunten Lichtern geschmückt wie ein Partyboot, doch heute Nacht soll der Glanz von der Aarti-Zeremonie am Ufer ausgehen.
Einer der vielen kleinen Bootsunternehmer, die heute Nacht hier auf dem Ganges auf den Beginn der Aarti warten, ist Gohouri. Tagsüber rudert er per Muskelkraft Touristen in einem kleineren Boot den Ganges hinauf- und hinunter. Er steuert vom Assi Ghat bis zum Brahma Ghat, an einigen der 84 Ghats, den historischen Gebäuden, den unzähligen Treppenstufen am Ufer und den Badenden vorbei, und auch an dem Uferabschnitt, wo riesige Holzstapel aufgeschichtet sind, dem Heizstoff, mit dem die Leichname nebenan am Manikarnika Ghat verbrannt werden.

Meist legt Gohouri hier eine kurze Pause ein. Er reißt ein Beutelchen Gutka auf und schiebt es sich in den Mund. Die aufputschende Kautabak-artige Mischung aus zerkleinerter Betelnuss, Tabak, Kalk und Gewürzen soll ihm die nötige Kraft für den Rückweg geben. Auf dem Rückweg zum Assi Ghat muss er nämlich gegen die Strömung des Ganges anrudern. Er legt sich in die Riemen und steuert das der Stadt gegenüberliegende sandige, unbebaute Ufer des Ganges an. Dort hat sich ein kleiner orientalischer Open-Air-Basar aus Buden und Zelten etabliert, sogar Kamelritte werden angeboten. Hier können auch die Frauen unbeobachteter in den Ganges eintauchen. Auf der anderen Seite, wo die Stadt liegt, gehören eher halbnackte badende Männer zum normalen Bild.
Heute Nacht hat Gohouri Glück. Er hatte tagsüber Touristen für eine nächtliche Bootsfahrt gewinnen können und sich dafür ein motorisiertes Boot von einem Kollegen leihen können. So muss er sich nicht wieder selbst ins Ruder legen. Im Wettrennen um die besten Plätze vor der Aarti-Zeremonie hätte er keine Chance, auch nicht mit mehreren Tütchen Gutka.

An Land betritt eine Gruppe von sieben jungen Priestern in safranfarbenen Roben den Platz mit den rot-goldenen Baldachinen. Mit dem Blasen der Muschelhörner beginnt die Zeremonie. Die auch Pandits genannten Priester stimmen Mantras an und schwenken goldene Gefäße voller Sandelholz. Der Gesang der Mantras und der Klang der Glöckchen sind bis auf den Ganges zu hören. Die Priester schwenken goldfarbene Feuertöpfe und Kerzenleuchter und bringen dem Fluss Opfergaben in Form von Ringelblumen und Kampfer dar. Alle Bewegungen und Gesänge sind streng synchronisiert und folgen einer detaillierten Choreographie.
Woher die Aarti überhaupt kommt und was sie bedeutet
Die Ganga Aarti in Varanasi gibt es zwar schon seit Jahrhunderten als Gebet am Fluss, aber die heutige groß inszenierte, choreografierte Zeremonie am Dashashwamedh Ghat wurde erst in den 1990er Jahren etabliert, um Traditionen zu bewahren. Sie entstand aus alten vedischen Ritualen (Yajnas), bei denen das Licht (Aarti, von ārātrika für „Dunkelheit vertreiben“) verehrt wird, um die Flussgöttin Ganga zu ehren, die als Mutter und Schöpferin verehrt wird. Jede Bewegung symbolisiert eine Geste der Dankbarkeit gegenüber dem Ganges.
Der Begriff „Dashashwamedh“ bedeutet „das Ghat der zehn geopferten Pferde“ und das Ghat wird mit einem legendären Ereignis aus der hinduistischen Mythologie in Verbindung gebracht. Der Legende nach führte Lord Brahma an diesem Ort ein großes Ritual namens Dashashwamedh Yajna (ein Ritual, bei dem zehn Pferde geopfert werden) durch. Man glaubte, dass das Yajna Varanasi zur heiligsten Stadt des Hinduismus machte.
In seiner jetzigen Form wurde die Ganga Aarti am Dashashwamedh Ghat 1991 unter der Leitung von Mundan Maharaja ins Leben gerufen. Früher wurde dieses Aarti an Dev Deepawali und Ganga Dussehra durchgeführt. Nach und nach wurde es zu einer regelmäßigen Veranstaltung. Früher führte nur ein Priester das Aarti durch, heute sind es bereits sieben. Im Jahr 2007 wurde es in das „Incredible Heritage of India” aufgenommen.
Das Ritual neigt sich langsam dem Ende zu. Ein letztes Mal versuchen die Besucher einen Blick auf die Wasseroberfläche des Ganges zu werfen, denn hier erzeugt die Flamme der Lampen im Wasser einen übernatürlichen Anblick; die Flamme der Lampe scheint zu versuchen, den Himmel zu berühren.
Nach dem feierlichen Abschluss versuchen sich Dutzende von Booten vor dem Dashashwamedh Ghat wieder aus dem riesigen Floß heraus zu manövrieren. Auch Gohouri steuert hin und her, bis er sein Boot wieder auf den offenen Ganges steuern kann. Ein letzter Blick zurück, dann steuert er den Fluß wieder hinauf zum Ausgangspunkt. Diesmal ist kein Doping mit Gutka nötig, nicht nur wegen des Außenbordmotors. Die Kraft der Zeremonie lässt Gohouri fast über das Wasser schweben. Er hofft, dass er auch morgen wieder hier sein kann, mit neuen Touristen und Pilgern. Das Leuchten in ihren Augen ist seine größte Belohnung.
Tipps:
- Die heutige, spektakuläre Ganga Aarti dauert etwa 45 bis 60 Minuten und findet jeden Abend bei Sonnenuntergang statt, je nach Jahreszeit um 18 oder 19 Uhr.
- Wem das Gedränge an Land während der abendlichen Ganga Aarti zu viel ist, kann auch entweder ein Boot mieten oder mit einem größeren Boot mitfahren. Die Preise variieren stark, je nachdem, ob man eine geführte Tour (z.B. über Get your Guide) bucht oder mit einem der Bootsbesitzer einen individuellen Preis aushandelt. Geführte Touren inklusive Bootsfahrt liegen ca. bei 3.500 Rupees für die erste Person, und 1.500 für die jede weitere Person
- Für Frühaufsteher sind auch die morgendlichen Aartis interessant, um 6:00 Uhr morgens (sommer: 5:00 Uhr am Assi Ghat, und 05:30 am Panchgana Ghat (auch im Sommer)


