Kornatis: Mondlandschaft mit Meeresrauschen

Kornat

Dutzende weißer Kalksteinformationen, Riffe und Inseln mit karger Vegetation, das ist der Kornati-Archipel vor der Küste Norddalmatiens. Die meisten der 150 Steinhaufen sind unbewohnt. Doch in versteckten Buchten warten ideale Ankerplätze und manchmal sogar rustikale Fischrestaurants.

Murter – An Bord des “Piratenschiffs” auf dem Weg von der Insel Murter in den Kornati-Archipel macht sich Unruhe breit. Der Segler voller Tagesausflügler steuert direkt auf eine hohe Kalksteinwand zu. Wohin will der Käpt’n? Erst wenige hundert Meter vor dem gigantischen Steinhaufen wird sichtbar, dass der Klotz aus drei einzelnen Inseln besteht, die so hintereinander liegen, dass sie aus der Ferne wie eine zusammenhängende Landmasse wirken. Routiniert führt die Mannschaft das Schiff durch eine breite Durchfahrt. Die Passage bei Smokvica ist einer der Eingänge in die blau-weiße, minimalistisch-schroffe Welt der Kornati-Inseln.

Und schon beruhigen sich nicht nur die Gäste an Bord, sondern auch Wind und Wellengang. Sanft gleitet das Schiff wie auf einem Binnensee durch eine bizarre Welt aus Dutzenden von mehr oder weniger großen weißen Inseln und Inselchen, Steinhaufen, Felsen und Riffen, die sich aus dem dunkelblauen Wasser erheben und hell in der mediterranen Sonne leuchten.

Schon George Bernhard Shaw geriet angesichts dieses Steinmosaiks ins Schwärmen und schrieb: “Am letzten Schöpfungstag wollte Gott sein Werk krönen und schuf aus Tränen, Sternen und Atem die Kornaten.” Die schroffe Inselwelt liegt direkt vor der Küste Norddalmatiens. Auf einer Fläche von rund 220 Quadratkilometern zwischen Zadar im Norden und Sibenik im Süden erstrecken sich je nach Quelle und Zählweise zwischen 147 und 152 Inseln und Inselchen.

Ihren Namen bekam die Inselgruppe von der mit 33 Quadratkilometern größten Insel Kornat. Die Bezeichnung soll auf die italienische Bezeichnung “isola coronata” zurückgehen, die gekrönten Inseln. Und gekrönt sind einige der Felsformationen. Vor allem auf den südwestlichen, dem offenen Meer zugewandten Seiten mancher Inseln sind die Küsten sehr steil.

Über glühende Steine zum Traumstrand

Die höchsten “Kronen” genannten Kliffe findet man auf Klobucar (80m), Mana (65m) und Rasip Veli (64m). Hier haben sich Wanderfalken und Kormorane eingenistet. Viele andere der Inseln und Steinhaufen tragen lustige oder bizarre, ihre Gestalt bezeichnende Namen, wie z.B. Klobucar (Hut), Balun (Ball), Kosara (Korb), Mrtvac (Toter). Einige sind nicht ganz jugendfrei. Sie heißen “Kleine Hure” und “Großmutters Arsch”. Angeblich hatten sich die Fischer diese Namen früher vor lauter Einsamkeit ausgedacht. Eine andere Anekdote erzählt, dass die Namen nur eine bewusste Irreführung der österreichisch-ungarischen Landvermesser durch die immer zu Späßen aufgelegte Bevölkerung Murters waren, als diese für ihre Landkarten nach den Namen der einzelnen Inseln fragten.

Kornati_Felsen

Die meisten der Inseln erinnern an Mondlandschaften, kräftige Vegetation gibt es kaum. Zwischen den zahlreichen kilometerlangen Trockenmauern aus aufgeschichteten Steinen wächst ein spärlicher Flaum aus Moosen und Gräsern, mehr lässt die Wasserknappheit nicht zu. Die Insel bestehen aus wasserdurchlässigem Kalksandstein, und auch Quellen sind auf keiner der Inseln zu finden. Die wenigen Bewohner beziehen ihr Wasser aus Zisternen, die das Regenwasser sammeln. In einigen geschützten Ecken, in denen sich Erde sammeln konnte, haben sie Oliven- und Feigenbäume und Weinreben kultiviert.

Das Segelschiff auf “Piratentour” läuft derweil sanft in die Ostbucht von Levrnaka ein, ein beliebter Ankerplatz für Ausflugsschiffe. Hier soll es einen ausgedehnten Badestopp geben. Doch vorher steht ein Fußmarsch zur gegenüberliegenden Seite der Insel, zur Westbucht, an. Die Steine glühen, in der Luft liegt Salz und der würzige Duft der Macchia. Endlich leuchtet das türkisblaue Wasser am Ende des Trampelpfades – und man versteht, warum dies der wohl beliebteste Strand der Kornaten ist.

Was auf den ersten Blick vielleicht “nur” ein wunderschönes Naturerlebnis ist, hat auf den zweiten Blick auch historisch, kulturell und kulinarisch ein paar Überraschungen zu bieten. Viele Spuren ehemaliger Bewohner und Eroberer sind noch auf den Inseln zu finden. Und sie waren alle da, die rund ums Mittelmeer eine Rolle spielten: Zuerst kamen die Illyrer und Liburner, dann die Römer, die die Inselwelt vor der Haustür unter Kaiser Augustus 156 v. Chr. dem Römischen Imperium einverleibten und dort Landhäuser und Feriendomizile errichteten.

Bis 1102 blieben die Inseln Teil des Oströmischen Reiches. Mit der Völkerwanderung kamen die slawischen Kroaten und verdrängten die bisherige Bevölkerung. Es folgten Besatzer und Eroberer aus Zadar, Venedig, Österreich-Ungarn, Jugoslawien und am Ende des zweiten Weltkriegs auch aus Italien.

Spuren dieser früheren Zivilisationen sind auf ein paar der größeren Inseln noch zu finden. Auf Lavsa kann man noch die Überreste eines Salzlagers und die Ruinen von Salinen entdecken. Hier wurde das Salz gewonnen, das man zur Konservierung der Fische brauchte. Auf Piskera und der Nachbarinsel Vela Panitula stand einst eine venezianische Burg aus dem 16. Jahrhundert, dem Sitz des Steuereintreibers, und eine Siedlung mit Lagerhäusern und einer Kirche, die auch heute noch steht. Beide Inseln waren mit einer Zugbrücke verbunden.

Herzstück und Namensgeberin des Archipels, das 1980 zum Nationalpark erklärt wurde, ist die Insel Kornat. Als größte der Inseln im Archipel stellt sie schon 64 Prozent der Landfläche der gesamten Inselgruppe. Doch aufgrund der Abgeschiedenheit und der schwierigen, fast menschenfeindlichen klimatischen Bedingungen konnte sich hier keine richtige Stadt als Zentrum ausbilden.

Einige der Ruinen sind alte Filmkulissen

Wie schon in den Jahrhunderten zuvor blieben die Hirten und Fischer lieber für sich, ihre Siedlungen und Häuschen lagen weit verstreut über die Insel verteilt. Nur das Örtchen Vrulje mit seinen 45 Häusern, 28 Zisternen und 30 Anlegeplätzen könnte man als Dorf bezeichnen. Malerisch liegt es inmitten von ein paar wenigen Olivenbäumen. Und oben auf der 237 Meter hohen Anhöhe Metline kann der Blick über das bizarre Muster aus schnurgeraden Trockensteinmauern und die Spuren alter Zivilisationen schweifen, wie die alte Festung Tureta, die große Felsplatte Magazinova Skrila, das Karstfeld Turac voller Ruinen und Grabhügel aus der illyrischen Zeit. Hier befand sich vor rund 2500 Jahren das Zentrum der Insel. Direkt an den Küsten wurde aus Angst vor fremden Angreifern und der Unberechenbarkeit des Meeres erst später gesiedelt.

Doch nicht immer sind die Ruinen so alt wie sie aussehen: Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts kamen Filmleute aus München auf die Insel Mana und stampften für die Dreharbeiten zum Kinofilm “Raubfischer in Hellas/Tosende See” mit Maria Schell gleich ein ganzes antikes, griechisches Dorf aus dem kargen Boden. Teile davon sind auch heute noch zu sehen und lassen so manchen Entdecker glauben, er stünde vor Jahrtausende alten Ruinen.

Vor einigen Jahren war das gastronomische Angebot auf den Kornaten noch sehr schlicht und rustikal – und gut versteckt. In nur einer Handvoll Buchten hatten sich die Bewohner oder Eigentümer der Inseln einen kleinen Nebenverdienst verschafft, in dem sie “schwarze Küchen” betrieben. Verirrte sich ein Schiff in die Bucht und machte hier Station, legte man schnell ein paar frische Fische auf den Holzgrill, reichte dazu Weißbrot, Tomatensalat, vielleicht noch gekochten Mangold – das war’s . Heute gibt es zahlreiche Angebote, oft auf hohem gastronomischem Niveau. Rund 35 Konobas sollen es mittlerweile sein. Sogar ein Supermarkt soll demnächst eröffnet werden.

Besucher, die noch etwas von der Ursprünglichkeit und Einfachheit erhaschen wollen, sollten sich ein Fischerhaus für einen Robinson-Urlaub suchen. Der Besitzer der jeweiligen Insel und des darauf befindlichen Hauses setzt die zivilisationsmüden Besucher auf Wunsch auf seiner Insel aus, natürlich ausgestattet mit allem, was man zum Leben braucht. Nachschub kann geordert werden.

Der gesamte Archipel ist übrigens dabei, wieder im Meer zu versinken – alle 1000 Jahre um einen Meter. Etwas Zeit hat man als Besucher also noch, bis der neue Supermarkt wieder unter Wasser liegt wie die Ferienhäuser aus der Römerzeit.

Erschienen im manager magazin online, 11.08.2011: http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/a-778528.html

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