Abu Dhabi: Kunst im Bau

Mehr als fünf Jahre lagen die Pläne für die Museumsinsel bei Abu Dhabi auf Eis. Nur die Modelle der Architekten wie Jean Nouvel, Sir Norman Foster und Frank Gehry zeugten vom ehrgeizigen Ziel. Nun ist der Startschuss für die Bauarbeiten gefallen und neue Megaprojekte sind in der Planung.

Abu Dhabi – Wer die Auswahl seines Reiseziels bisher auch von der Existenz bedeutender kultureller Institutionen wie Opernhäusern und Kunstmuseen von Weltrang am Zielort abhängig machte, für den standen die Vereinigten Arabischen Emirate bis jetzt nicht sehr weit oben auf der Liste der Sehnsuchtsorte. Der Bund der wohlhabenden Golfemirate machte bisher nur mit beeindruckenden Wachstumsraten und Wirtschaftsdaten und einer fast kindlichen Lust auf Superlative und Shopping von sich reden. Nach wie vor gilt Zynikern das jährliche “Dubai Shopping Festival” als kultureller Höhepunkt des Jahres in den VAE.

In Sachen Kultur konnte man bisher noch keine Meilensteine setzen. Vor einigen Jahren verließ der deutsche Theaterregisseur Michael Schindhelm, der von der Regierung in Dubai den Auftrag erhalten hatte, ein Opernhaus zu bauen, sogar genervt das Land, nachdem er bemerkt hatte, dass das ambitionierte Kulturprojekt nur ein Köder für den Verkauf der Immobilien rund um das Opernhaus herum darstellen sollte. Die Dimensionen des Opernhauses schmolzen dahin wie ein Schneemann in der Wüste, die “Kultur war dabei ein bloßes Marketinginstrument zur besseren Verwertung” der Immobilien, so Schindhelm desillusioniert in einem Interview 2009.

Auch eine Live-Übertragung einer Opernaufführung aus der Met in New York in einen Konzertsaal in Dubai, mit der man das Interesse der Emirate-Bewohner an westlicher Hochkultur testen wollte, fiel alles andere als ermutigend aus. Nun unternimmt die Regierung in Abu Dhabi einen neuen Anlauf, diese kulturelle Lücke zu schließen. Nachdem in den letzten fünf Jahren nur ein paar beeindruckende Architekturmodelle in einem Showroom im Sieben-Sterne Hotel “Emirates Palace” zu bestaunen waren, sollen die glamourösen Museumsbauten auf Saadiyat Island (Insel der Glückseligkeit) nun tatsächlich Realität werden.

Saadiyat-Cultural-District-Aerial-view

Das Louvre-Museum eröffnet als erstes

Mit dem “Saadiyat Cultural District” entsteht die nach Angaben der Projektentwickler “größte Konzentration kultureller Erfahrungsräume” weltweit, Museumsbauten, die noch Jahrzehnte lang Maßstäbe setzen werden. Man hat dafür die größten Stars der internationalen Architekturszene verpflichtet, um die Vereinigten Arabischen Emirate an die Spitze der führenden Kulturnationen zu führen.

Die Bauarbeiten für das Louvre-Museum von Pritzker-Preisträger Jean Nouvel haben schon begonnen, die Eröffnung ist für Dezember 2015 geplant. Ein Jahr später sollen das Zayed National Museum von Sir Norman Foster und 2017 das Guggenheim Museum von Frank Gehry eröffnet werden. Weiterhin auf seine Realisierung warten muss hingegen das Center of Performing Arts der renommierten Architektin Zaha Hadid.

Hadid

In Januar erhielt der einheimische Baukonzern Arabtec den 500 Millionen Euro teuren Auftrag, die Baurabeiten für das Louvre Abu Dhabi zu starten. Seitdem wird auf Saadiyat Island fleißig im Sand gewühlt. Die Verantwortlichen in Frankreich betonen, dass es kein “Louvre Abu Dhabi” geben wird, sondern ein weiteres Louvre-Museum in Abu Dhabi, also keine schnöde 1: 1-Kopie des berühmten Pariser Museums.

Auch Jean Nouvel denkt nicht an ein einziges monolithisches, zentrales Gebäude, das er an die Schnittstelle von Wüste und Ozean bauen will, sondern eher an eine “Microcity” aus unterschiedlich großen Gebäudeteilen, die durch eine 7000 Tonnen schwere, perforierte Kuppel zusammen gehalten werden sollen.

Ganz in der Bautradition des alten Arabiens wird die Kuppel mit einem abstrakten Muster verziert, das eine Schicht übereinander gelegter Palmzweige nachbildet, die in früheren Zeiten für die Dachkonstruktion genutzt wurden, mit dem gleichen Kühlungseffekt und den gleichen Lichtspielen wie damals. So wird ein “Rain of Light” in das Innere des Museums fallen. Auch dort hat sich das Nouvel-Team von alter arabischer Architektur und Ingenieurskunst inspirieren lassen. Kleine Wasserläufe, die an die Bewässerungssysteme arabischer Bauern erinnern, durchziehen das Gebäude.

Louvre Abu Dhabi: 400 Millionen für die Namensrechte

Die Kuratoren haben den Ehrgeiz, auf rund 10.000 der insgesamt 24.000 Quadratmeter Kunst und archäologische Artefakte aus allen Epochen zu versammeln und so Querverbindungen und Entwicklungslinien der einzelnen Kulturen untereinander sichtbar zu machen. Allein für die 30 Jahre geltende Nutzung der Namensrechte muss das Emirat 400 Millionen Euro an die Franzosen zahlen, dazu kommen noch Kosten in Höhe von rund 575 Millionen Euro für das Ausleihen von bestimmten Exponaten und Ausstellungen aus dem Pariser Louvre, dem Musée D’Orsay und dem Centre Pompidou.

Doch damit nicht genug: Abu Dhabi wird darüber hinaus noch 25 Millionen Euro nach Paris überweisen, damit ein Flügel des Pavillon de Flore renoviert werden kann. Nach der Wiedereröffnung wird der Flügel den Namen des Staatsgründers der VAE tragen: Sheikh Zayed.

Zayed National Museum: Ein Denkmal für den Vater der Nation

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Das Herzstück des “Saadiyat Cultural District” wird das “Zayed National Museum” bilden. Es soll – der Bedeutung und Beliebtheit des visionären Emirs von Abu Dhabi und Vaters der Nation angemessen – alle anderen Bauten überragen. Im ersten Nationalmuseum der Vereinigten Arabischen Emirate wird das Leben von Sheikh Zayed bin Sultan Al Nahyan, die Geschichte der Nation und die stolze Historie der gesamten Golfregion dargestellt. Als vorherrschende Form hat sich das Team um Architekt Sir Norman Foster für eine majestätische Dachkonstruktion entschieden, die an die aufgefalteten Flügelspitzen eines Falken erinnern soll – eine weitere Anspielung auf das kulturelle Erbe der Region.

 

guggenheim-f

Auch eine andere weltweit bekannte Museumsmarke wird auf der Insel des Glücks präsent sein: das Guggenheim Museum. Für die Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst haben die Architekten aus dem Büro von Frank Gehry ein Gebäude aus Würfeln und trichterförmigen Kegeln entwickelt, das an die Windtürme alter arabischer Baukunst erinnern und sowohl dem Gebäudeinneren als auch den umliegenden Grasflächen Kühlung verschaffen soll. Die Komposition der einzelnen Teile sei “bewusst unordentlich” gestaltet worden, so Gehry.

Eine neue Stadt fürs Zentrum

Die Versuche Abu Dhabis, sich als kultureller Hot Spot zu etablieren, lassen auch den an Aufmerksamkeit gewöhnten Bruder in Dubai nicht kalt. Auch hier haben die Projektentwickler die Immobilienkrise abgehakt und machen sich auf die Jagd nach den nächsten Superlativen: Zu Beginn des Jahres verkündete der Herrscher von Dubai, Sheikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum, gleich ein ganzes Bündel von Bauprojekten, die das Potential besitzen, Dubai wieder international in die Schlagzeilen zu bringen.

Gleich eine ganze neue Stadt soll sich mitten in Dubai erheben: die Mohammad Bin Rashid City, die allerdings weniger auf Kultur setzt, sondern die Stärken Dubais in Sachen Tourismus, Handel und Unterhaltung weiter ausbauen soll. Geplant sind unter anderen ein weiterer Vergnügungspark in Kooperation mit den Universal Studios, der bis zu 35 Millionen Besucher jährlich anlocken soll, dazu 100 Hotelneubauten und ein Park, der um ein Drittel größer sein soll als der Londoner Hyde Park. Hinzu die größte Shoppingmall der Welt, die “Mall of the World” für jährlich 80 Millionen Besucher, die größte Ansammlung von Kunstgalerien im gesamten Mittleren Osten auf einer Brücke namens “Cultural Crossings”, die Downtown Dubai und den Burj Khalifa, die Business Bay und die neue City miteinander verbinden soll.

Angesichts dieser Dimensionen schlägt die Ankündigung, auch das schon lang geplante Unterwasser-Hotel Hydropolis zu realisieren, kaum noch hohe Wellen. Doch an anderer Stelle scheint man an einem Bauvorhaben zu werkeln, das sich schon eher mühelos in die Reihe der Sensationen und Superlative einreihen kann: Im ganzen Land hält sich das Gerücht, dass eine adelige Geschäftsfrau aus Deutschland eine Kopie des Schlosses von Versailles in die Wüste des kleinen Emirats Ras al Khaimah 100 Kilometer nördlich von Dubai setzen will, genutzt als Hotel, Shopping Mall, Universität, Klinik und Altenheim … Doch das ist eine andere Geschichte aus 1001 Nacht …

Erschienen in manager magazin online, 19.03.2013:
http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/a-889040.html

 

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