Istanbul: Der neue Hof des Sultans

Das künstlerische und architektonische Erbe des Ottomanischen Reiches dient heute als Kulisse für eine neue höfische Gesellschaft: In den luxuriösen Palasthotels in Istanbul trifft sich der Geldadel aus aller Welt. Aus den Marmorbadewannen der besten Suiten schweift der Blick über den Bosporus.

Istanbul – Kurz nachdem der Ciragan Palace 1871 an den Ufern des Bosporus in seiner heutigen Form erbaut wurde, rankten sich schon viele Gerüchte um dessen dekadente Ausstattung: Sultan Abdülazziz soll ein riesiges Glashaus im Yildiz Park hinter dem Palast errichtet und mit zahlreichen Pflanzen und Vögeln gefüllt haben – nur um den Bau schnell wieder einreißen zu lassen. Die Hitze im Inneren des Glashauses und der Krach der Vögel nervten den gemütskranken Sultan einfach zu sehr.

Mit dieser Launenhaftigkeit steht der Sultan in einer langen Tradition von Vorgängern und Nachfolgern, die mit dem Abriss und Neubau von Palästen an dieser exponierten Stelle schnell bei der Hand waren. Immer wieder ersetzte ein neues, noch prächtigeres Gebäude das vorherige, bis der Niedergang des Palastgeländes und seiner Bauten zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann, und der Ciragan Palace von der kaiserlichen Sommerresidenz zum Ersatzparlament und später zum Baustofflager und Sportplatz zweckentfremdet wurde.

Anfang der 90er Jahre ist er als “Ciragan Palace Hotel” wieder auferstanden. Und es ist, als wäre der festliche Alltag am imperialen ottomanischen Hofe wieder zu neuem Leben erweckt worden – eine Zeit, in der solch illustre Gäste am Hofe zu Gast waren wie Kaiserin Eugenie von Frankreich, die auf dem Weg zur Eröffnung des Suezkanals hier logierte, und der man eine Romanze mit dem Sultan Abdülazziz nachsagte. Das Ciragan Palace ist das einzige Hotel, das wirklich auf den Mauern eines der alten Sultanspaläste errichtet wurde – wenn auch das Gebäude 1910 bis auf die Grundmauern abgebrannt war. Immerhin war der marmorne Hamman stehen geblieben. Heute kommen die Gäste in Scharen – per Limousine, per Helikopter oder per Jacht direkt an den Anleger des Hotels.

Freilich entscheidet mittlerweile der Kontostand und nicht die Einladung des Sultans, ob man hier residieren, Geschäftsfreunde treffen, seine Hochzeit feiern oder als Unternehmen einen Empfang geben darf – wenn auch der Rechtsnachfolger der Sultane, der türkische Staat, gerne Staatsgäste in den prachtvollen Ballsälen und Suiten empfängt. So geht eine illustre Schar von Politikern, Diplomaten, Managern, Königen und Künstlern aus aller Herren Länder ein und aus. Die Herrscher von Bahrain, Katar und Malaysia, die Designer Roberto Cavalli, Christian Loubotin und Diane von Fürstenberg, Ronaldo, Anna Kournikova, U2, Angela Merkel, Afghanistans Präsident Karzai, die Models Bar Rafaeli und Jerry Hall, Oprah Winfrey – sie alle logierten in den vergangenen zwölf Monaten hier.

Gastlichkeit für die Zwölfender unter den VIPs

Am stärksten verspürt man die Pracht des Ottomanischen Hofes noch im alten Palastteil des Hotels. Die 376 Quadratmeter große “Sultan Suite” ist die prächtigste der elf großen Suiten: Sie hat einen eigenen Helikopterlandeplatz, einen Privateingang, einen Marmor-Hammam und einen persönlichen Butlerservice – für 30.000 Euro die Nacht. Die feinen Teppiche und Tapisserien, Vasen und Diwane hätten auch der echten Sultansfamilie zur Ehre gereicht.

Kein Wunder, dass diese Suite nur von den Zwölfendern unter den VIPs bewohnt werden: Hier nächtigten schon König Juan Carlos von Spanien, die Queen und Bill Clinton, Oprah Winfrey und Liza Minelli genossen ebenfalls den betörenden Blick auf den Bosporus von der Badewanne aus.

Die exklusive Lage an den Gestaden des Bosporus war allerdings nicht immer so begehrt wie heute. Doch weil das weitläufige Reich der Ottomanen wie eine Schutzmauer für die ganze Stadt wirkte, trauten sich die Menschen, auch außerhalb der Stadtmauern, an den idyllischen Ufern von Besiktas und Ortaköy zu residieren. So wurde es im 16. Jahrhundert schick bei Hofe, sich Grundstücke am Bosporus anzuschaffen und dort luftige Holzpavillons zu errichten.

Auch Sultan Ahmet III. besaß solch ein Grundstück. Er schenkte das als Kazancolu-Garten bekannte Gelände, auf dem heute das Ciragan Palace Hotel steht, seinem Schwiegersohn, dem Großwesir Ibrahim Pasha von Nevsehir, der dort das erste “Yali” (am Wasser gelegene Villa) erbaute. Zusammen mit seiner Frau, der Sultanstochter Fatma Sultan organisierte er dort Festlichkeiten mit Fackelbeleuchtung, die bald Lichtfeste (persisch: Ciragan) genannt wurden.

Aus Pavillons wurden Villen, aus Villen Paläste

Aus den Pavillons wurden so schnell Villen, aus den Villen Paläste. Einer dieser Paläste beeindruckte Lady Mary Wortley Montagu, die Gattin des englischen Botschafters so sehr, dass sie 1717 schrieb: “Seine Ausmaße sind erstaunlich; die Wache versicherte mir, er beherberge achthundert Zimmer, und alles ist geradezu verschwenderisch mit Marmor, Gold und wunderbaren Malereien von Früchten und Blumen verziert. Die Fenster sind mit feinstem Kristallglas aus England bestückt, und hier erlebt man all die kostspielige Pracht, die man von einem Palast erwartet, der von einem jungen Mann errichtet wurde, der über den ganzen Reichtum eines großen Imperiums verfügt.” Dann begann ein langer, stetiger Abstieg des Ciragan, vom offiziellen Herrschersitz zum temporären Parlament bis zum Baustofflager, bis es 1990 als Luxushotel wieder in imperialem Glanz erstrahlen durfte.

An einer der schönsten Stellen an den Ufern des Bosporus stand seit Ende des 18. Jahrhunderts das Anwesen des Kalligrafen Muhsinzade Mehmet Pasha. Hier lebten er und seine Familie fast wie die Sultane selbst. Auf mehr als 4500 Quadratmetern erstreckten sich Gartenanlagen mit Marmorspringbrunnen im ottomanischen Stil, die weit über Istanbul hinaus bekannt waren. Bis 1929 lebten Mitglieder der ursprünglichen Familie auf dem Anwesen, dann vermieteten sie das Gelände an einen Händler, der dem ehemals so glanzvollen Besitz ein ähnliches Schicksal bescherte, wie es das Ciragan ertragen musste: 50 Jahre lang wurden hier nur Kohle und Sand abgeladen.

In den 80er Jahren erbarmten sich die 22 Erben endlich und verkauften das Gebäude an einen Tourismusunternehmer. Das Anwesen wurde in seinem luxuriösen Urzustand zurückversetzt und als exklusives Fünf-Sterne-Hotel wiedereröffnet. Die Wiederauferstehung des ottomanischen Hofes im Kleinen mit seiner Verspieltheit und Üppigkeit zieht wie auch im Ciragan die moderne Klientel aus Schönen, Wichtigen und Reichen an. Gisele Bündchen, Richard Starck, Kate Moss, Julio Iglesias sind zuletzt im “Les Ottomans” abgestiegen.

Briefe aus dem Harem

Das Hotel Sultania kauert sich zwar fast an die mächtigen Außenmauern des alten Topkapi-Palastes, doch die Bausubstanz des Gebäudes ist deutlich jünger als einer der ottomanischen Sultanspaläste, die in der Stadt noch zu finden sind. Dafür hat das luxuriöse Boutiquehotel im alten Stadtteil Sultanahmet die Inneneinrichtung der 42 Zimmer ganz der ottomanischen Geschichte des frühen 17. Jahrhundert gewidmet: Jedes Zimmer ist einer Haremsdame oder Sultana und ihrer schillernden Biografie gewidmet. Ein Ölgemälde über jedem Bett zeigt, welche Sultana die Patin des Zimmers ist, ob Hatice, Nilüfer oder Fatma.

 

Die halbtransparenten Glaswände der Badezimmer zeigen aufreizende Szenen aus dem Harem. Auf einer Pergamentrolle ist das Leben der Dame aufgezeichnet, wie etwa der von Sultana Terhan: Sie entstammte einer slawischen Familie und lebte schon früh im Harem. Dort wurde sie in den feinen Künsten und im Gesang unterrichtet. Man sagte ihr nach, dass sie die süßesten Gedichte schreibe und singe wie eine Lerche.

Auf diese speziellen Talente wurde auch Sultan Ibrahim aufmerksam. Er war auf der Suche nach einer neuen Frau oder Konkubine, die ihm endlich den Wunsch nach einem Sohn erfüllen würde. Als er Terhan erblickte, war es Liebe auf den ersten Blick. Fortan sang sie auf ihren Spaziergängen durch die duftenden Gärten nur noch für ihn. Ein Jahr später schenkte Terhan Sultan Ibrahim tatsächlich einen Sohn: Mehmed. Doch das Glück währte nicht lang. Bald darauf starb Ibrahim, kurze Zeit später auch seine Mutter Kösem. Bis zu Mehmeds Volljährigkeit regierte Terhan das große ottomanische Reich – und wurde zu einer Legende, die heute immerhin noch Hotelinnenausstatter zu lyrischen Gedanken inspiriert.

Ottomanischer Luxus mit Dönerbuden-Historie

Ist es eigentlich ein gutes Zeichen für ein Restaurant, wenn eine Horde japanischer Touristen mit Kameras bewaffnet in den Gebüschen vor seiner Eingangstür lauert, um ja nicht zu verpassen, welcher Popstar oder welches Staatsoberhaupt bald das Lokal verlassen wird? Wenn ja, dann ist das Beyti ein sehr gutes Restaurant. Seit mehr als 60 Jahren reißt die Reihe von Königen, Kaisern und Kronprinzen, Staatenlenkern und Präsidenten, Industriemagnaten und Wirtschaftskapitänen, Schriftstellern, Schachweltmeistern und Hollywoodschauspielern nicht ab, die sich von Mr. Beyti und seinem Team in ottomanischer Atmosphäre bewirten lassen.

Die Speisekarte dieses in der gesamten Türkei bekannten Restaurants unterscheidet sich nicht wirklich vom Angebot anderer türkischer Restaurants und Imbisse. Es gibt ein Menü mit den Klassikern Döner, Köfte, Börek und zum Nachtisch Baklava und Künefe. Das ruft Zweifel hervor: Das kennt man doch alles aus dem Imbiss um die Ecke.

Aber als die Speisen von vier eifrigen Kellnern aufgetragen werden, versteht man, warum Mr. Beyti nicht nur gemocht, sondern sogar geliebt wird: Das feine Dönerfleisch ist so dünn geschnitten wie ein Carpaccio, die Köfte geben einen betörenden Thymianduft ab, und das kleine Lammkotelett zergeht auf der Zunge. Besser kann man türkische Küche wohl kaum serviert bekommen.

Weltpolitik im Separee

Die Geschichte dieser Restaurantlegende beginnt 1945 als Dönerbude in einem kleinen Holzschuppen in Kücükcekmece am Marmarameer, in der Nähe des Istanbuler Flughafens. Damals schlief Mr. Beyti nur drei Stunden pro Nacht, und das nicht im heimischen Bett, sondern im Hinterzimmer seines Lokals.

Heute findet man das angeblich beste Fleischrestaurant der Welt in einem 3000 Quadratmeter großen Anwesen aus Holz und Glas. In elf verschiedenen Speisesälen, die alle in feinster türkisch-ottomanischer Tradition gestaltet sind, und auf drei Terrassen werden die Gäste aus fünf verschiedenen Küchen bedient. Die Speisesäle, manche so groß wie ein Ballsaal, manche nur luftige Separees, sind geschmückt mit bunten ottomanischen Ornamenten. In manchen soll zu Zeiten des Kalten Kriegs sogar Weltpolitik gemacht worden sein.

Mr. Beyti hat ein einfaches Rezept: Der Einkauf ist genauso wichtig wie die Zubereitung. Seit Jahrzehnten schlachtet er selbst. Die Kräuter und die Blumen für die Tischdekoration werden im eigenen Gewächshaus nebenan gezogen. Mit einem bescheidenen Buddha-Lächeln begrüßt der heute über 80-jährige Inhaber noch immer jeden Gast und lässt sich an jedem Tisch auf eine kleine Plauderei ein. Und dafür muss man nicht unbedingt der jordanische König, der japanische Kronprinz oder Michael Gorbatschow sein.

Erschienen in manager magazin online, 11.10.2011:
http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/a-790558.html

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s