Klosterhotels: Wellness statt Askese

Wo früher Mönche in kargen Zellen hausten, kann man sich heute verwöhnen lassen. Klosterhotels kombinieren historisches Flair mit dem Komfort der Gegenwart. Bisweilen inspirieren die alten Gemäuern sogar zu Wellness-Exzessen – Gestalten in brauner Kutte führen den Gast dann ins “Spiritual Spa”.

Seefeld – “Beten und Arbeiten” – so lautet die zentrale Klosterregel, die der heilige Benedikt für das gottgefällige Zusammenleben hinter klösterlichen Mauern aufstellte. Fleiß, Entbehrung, Askese und Enthaltsamkeit sollten die Grundpfeiler des Verhaltens der Mönche sein.

Wie wenig sich viele Mönche an diese zentrale Klosterregel hielten und stattdessen der Völlerei frönten, zeigt ein archäologischer Fund aus dem südenglischen St. Albarn. Dort fand man tausende von Knochen, die Einblick geben in die Speisepläne der angeblich so asketischen Gottesdiener: neben Rindersteaks, Lammrücken oder Schweinekoteletts fanden sich auch Reste von Hirschragout, Rehkeulen und Hasenbraten, alles Delikatessen, wie sie in jener Zeit meist nur am Königshof serviert wurden. “Nirgendwo in England findet sich für das Mittelalter ein so hoher Anteil von Luxus-Speisen. Die Mönche lebten alles andere als enthaltsam”, kommentiert eine Archäologin von der Universität Southampton die Funde.

Wer heutzutage ins Kloster geht, sucht immer noch nach Ruhe und Besinnung. Doch als Gast in einem Klosterhotel kann man sich heute auch ohne schlechtes Gewissen verwöhnen lassen. Angebote für einen temporären Aufenthalt in historischen Klostermauern gibt es viele. Das Hotel Klosterbräu im Tiroler Ort Seefeld sticht dabei mit einem besonders originellen Wellness-Konzept heraus. Während in den meisten gehobenen Hotels zwischen Berlin und Bangkok ein international gleiches asiatisches Allerlei aus Thaimassagen, Ayurveda und Lomi-Lomi-Massagen den Gast erwartet, setzt das Klosterbräu auf die alpenländische Variante – Alpen statt Himalaya. Statt Lotusblüten warten Bierbäder und Heupackungen, Wadenwickel und katholische Heiligenfiguren. Sogar ein echter Augustiner-Pater steht bei Bedarf für spirituelle Fragen mit Rat zur Seite.

Eingewickelt wie eine Roulade

Im “Spiritual Spa” wird an die klösterliche Tradition lustvoll als Kulisse genutzt. Eine finstere Gestalt in brauner Kutte, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und mit brennender Laterne in der Hand, erwartet den Gast an der Spa-Rezeption – in dem Kostüm steckt die Masseurin, die den Gast mit einer “Spiritual Hands” genannten Anwendung verwöhnen will. Gemeinsam steigt man hinunter in die dunklen Gewölbe des Klosterkellers. In einem dunklen Raum, der nur von ein paar Kerzen beleuchtet wird, wartet eine Liege, die mit warmem Quarzsand gefüllt ist. Gregorianische Gesänge füllen den Raum – und dann folgt nichts als Stille.

In einem anderen Raum gibt es eine Heupackung. In einer alten steinernen Kuhtränke wird das Heu, das direkt von der Wiese hinter dem Hotel stammt, in heißem Wasser rund eine Stunde eingeweicht. Dann wird der Spa-Besucher wie eine Roulade mit dem heißen Heu in Stoffbahnen eingewickelt. Für die “Augustiner Kräuterpackung” werden Efeu, Brennnesseln und Alpenkräutern der Region verwendet.

Das Haus kann auf eine aufregende Historie zurückblicken. Vor mehr als 500 Jahren lauerte der Raubritter Oswald der Milser mit seinen Männern reihenweise arglosen Reisenden auf und überfiel sie. 1376 ließ er sogar den frommen Abt Konrad Speiser von Stams mit einem Gewaltstreich gefangen nehmen. Am Gründonnerstag im Jahr 1384 gelüstete ihn nach dem Abendmahl, allerdings sollte seine Hostie größer sein als die für die “gemeinen Leit”. Als der Pfarrer ihm die Hostie widerwillig übergab, färbte sich diese blutrot auf seinen Lippen. Sowohl der Boden, auf dem er kniete, wie auch der Altarstein, an dem er sich festhalten wollte, wurden weich, und Oswald sank tief in den Erdboden ein.

Als der geschockte Ritter seiner Frau von den Ereignissen in der Kirche berichtete, glaubte sie ihm kein Wort. Höhnisch verlangte sie einen weiteren Gottesbeweis: Sollte die Geschichte ihres Mannes stimmen, solle ein alter Rosenstock, der jahrlang nicht mehr geblüht hatte, alsbald zu neuem Leben erwachen. Am nächsten Morgen stand der Rosenstock tatsächlich in voller Blüte. Dies erschreckte die Frau so sehr, dass sie den Verstand verlor, panisch in den nächsten Wald floh und nie wieder gesehen wurde.

Bald nach diesem “Hostienwunder” genannten Ereignis wurde Seefeld zu einem stark frequentierten Wallfahrtsort. 1516 wurde unter Kaiser Maximilian mit dem Bau eines Klosters begonnen, die jedoch erst 1604 fertig gestellt wurde. Das Kloster wurde den Augustinern übergeben, die neben der Seelsorge durch eine Brauerei und Forstwirtschaft den Einheimischen zu gewissen Wohlstand verhalfen. Doch die Blütezeit des Klosters war schon 1785 wieder vorbei – es wurde geschlossen und verkam. 1809 erwarben die Vorfahren der heutigen Besitzer das ehemalige Kloster und führen es seitdem als Hotel.

Meterdicke Katakomben und Gewölbe

Auch wenn das Klosterleben in Seefeld nur 181 Jahre währte: die Vergangenheit lebt. So stößt man in dem Gebäude des Fünf-Sterne-Hotels bei Innsbruck an jeder Stelle auf die meterdicken, 500 Jahre alten Mauern, Katakomben und Gewölbe. Im ersten Stock des Hotels erzählt eine Reihe von Ölgemälden die Geschichte vom Hostienwunder, und auf allen Etagen warten hölzerne Heilige auf das Jüngste Gericht.

Auch in anderen ehemaligen Klöstern versucht man die spirituellen Aspekte der Vergangenheit in ein modernes Beherbergungs- und Erholungskonzept zu integrieren. Statt Askese und Enthaltsamkeit werden dem Gast Regeneration, Harmonie und Zeit geboten, so auch im Kloster Hotel Marienhöh Hideaway & Spa im Hunsrück. 2002 hatten die Marienschwestern das Kloster aufgegeben, 2009 war das Hotel fertig, das über ein modernes Spa mit schöner Therme verfügt. Auch hier spielt man gern auf die Historie an – der Wellness-Bereich firmiert unter der Bezeichnung “Heiliggeist-Spa”. Dort hat man Massagetechniken aus dem Westen, aus Fernost und Hawaii zu einem neuartigen Konzept zusammengeführt: Die “Marienhöh Signatur-Behandlungen”. Die eigens für das Haus komponierten Massagen, Bäder, Peelings und Packungen dienen vor allem der Entspannung.

“Die Tür ist offen, noch mehr das Herz” begrüßt das Klosterhotel Wöltingerode seine Gäste mit einem alten Spruch der Zisterzienser. Das Drei-Sterne-Haus am Fuße des Harzes, das 1174 als Benediktinerkloster gegründet wurde und kurz darauf zu einem Kloster für Zisterziensernonnen wurde, setzt heute auf eine Mischung aus Tradition, Moderne und klösterlichem Ambiente. Seit 2008 werden die klösterlichen Räumlichkeiten als Hotelbetrieb genutzt. Teile der großen barocken Klosteranlage mit Kirche, Kreuzgang, Klosterbrennerei und Klosterinnenhof erinnern an das einstige mönchische Leben.

Das Kloster Hornbach in der Nähe von Zweibrücken blickt sogar auf eine mehr als 1000-jährige Geschichte zurück. 742 wurde es vom missionierenden Wandermönch Pirminius gegründet. Es gilt als das Stammkloster der Salier und war nach dem Tod seines Gründers lange Zeit Wallfahrtsort. Die ursprünglich kleine Anlage wurde immer wieder erweitert und schließlich zum reichsten und bedeutendsten Kloster innerhalb der Bistumsgrenzen von Metz, Speyer, Trier und Straßburg. Vieles der ehemals mächtigen Anlage ist heute noch zu sehen.

Und auch die alte Benediktinerregel des “Ora et labora in convice – Beten und Arbeiten in Gemeinschaft” ist auch heute noch aktuell. Der moderne Hotelbetrieb mit Gourmetgastronomie, der 2000 eröffnet und 2011 zum besten deutschen Tagungs-Hideaway-Hotel gekürt wurde, versucht diese Regel auf die Jetztzeit zu übertragen. Heute bedeutet dies: Konzentriert arbeiten, gesellig sein, gut essen und trinken. Auch das kann Seligkeit bedeuten.

Erschienen in manager magazin online, 21.11.2011:

http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/a-796351.html

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