Perlenzucht am Persischen Golf: Die Töchter des Mondes

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Noch vor 70 Jahren gehörte das Perlenfischen zum Alltagsleben am Persischen Golf. Dann ließen japanische Zuchtperlen den Markt zusammenbrechen. Nun erweckt das kleine Golfemirat Ras al Khaimah die alte Perlentaucher-Tradition zu neuem Leben – ausgerechnet mit  japanischer Technologie.

Ras al Khaimah – In früherer Zeit, als das Golfemirat Ras al Khaimah noch Julfar hieß, war das Perlenfischen am Persischen Golf noch ein richtiges Abenteuer. Fünf Monate am Stück stachen die Perlentaucher jeden Mai in See, erzählt der alte Emirati Faraj Al Muhairbi, einer der letzten noch lebenden Taucher der alten Generation. Nur ausgerüstet mit dem nötigsten seien sie zu den Austernbänken gefahren, mit einem Taucheranzug aus Stoff als Schutz vor den Quallen, Futteralen aus Leder, um die Finger der Taucher vor den scharfkantigen Austern zu schützen und einer Nasenklemme aus Knochen oder Holz.

Mit dem Öl der Akazienbeere, das sie in hohlen Koskosnüssen transportieren, bestrichen sie ihren gesamten Körper, als Schutz vor Sonnenbrand und Austrocknung, und banden sich Steine an die Füße, um schneller auf den Meeresboden sinken zu können. Für ein bis zwei Minuten gingen die Taucher hinunter, sammelten soviel Austern wie möglich in ihre Körbe und wurden wieder zurück ins Boot gezogen.

Ihre Ausbeute wurde in gemeinsamen Körben gesammelt, so dass am Ende des Tages niemand mehr wissen konnte, wer die Auster eingesammelt hatte, in der die größte Perle verborgen sein würde. Bis zu zehnmal pro Tag gingen sie hinunter – in der Hoffnung, dass der Mond den Austern eine kleine Perle in den Bauch gezaubert hatte.

In alten Legenden der Region nannte man die Perlen daher auch “Töchter des Mondes”. Die Auster, die eine Perle in sich trägt, soll in einer Vollmondnacht an die Wasseroberfläche gekommen und einen Lichtstrahl des Mondes in ihrem Inneren eingefangen haben. Eine andere Legende erzählt, dass die Perle zwei Mütter habe, den Mond und den Regen, die Perle sei ein Regentropfen, eine “Tochter des Regens”.

Die Japaner brachten den Zusammenbruch – und neue Hoffnung

Auf dem 40 Meter langen Boot, dem Jalbout, nahmen die Männer alles mit, was sie während der langen Abwesenheit brauchten: Kissen, Kaffeegeschirr, Wasserpfeifen, Trommeln, einen Sänger, Öfen für die kalten Nächte, und Kanonen, mit denen sie ihre Rückkehr im Heimathafen nach der Tauchsaison ankündigen konnten. Das Finden von echten Naturperlen war ein Lotteriespiel, nicht in jeder Auster verbarg sich solch ein Kleinod, doch es reichte zum Leben – bis die Japaner in den 1930er Jahren die Technik der künstlichen Perlenzucht perfektionierten, und der Markt für Naturperlen rund um den Persischen Golf zusammenbrach.

Es dauerte mehr als 70 Jahre, bis ausgerechnet mit Hilfe der Technologie derjenigen, die den arabischen Markt zerstörten, die Perlenzucht im arabischen Raum wieder zu neuem Leben erweckt wurde. In den Lagunen des kleinen Hafenstädtchens Al Rams nördlich der Hauptstadt hat sich eine arabisch-japanische Perlenfarm etabliert, die heute wieder nennenswerte Mengen an Perlen produziert. Die “Pearl Farm” ist die einzige Firma, die die alte Tradition in den Emiraten wiederaufleben lässt und macht Ras al Khaimah damit zu einer von nur fünf Regionen weltweit, in denen die Perlenzucht betrieben wird. Dementsprechend lautet ihr Slogan: “Reviving Perling Industry Luster”.

Ende 2009 wurde die Perlenfarm gegründet. Sie gehört dem Investment and Development Office (IDO), der Regierung von Ras al Khaimah und dem arabisch-japanischen Konzern Emirates and Japan Holding. 2002 starteten der Emirati Abdulla Rashed Al Suwaidi aus Al-Rams und sein japanischer Partner Daiji Imura ihre Nachforschungen, ob es Möglichkeiten für eine professionelle, industrielle Perlenfarm in Ras la Khaimah gibt.

Vor Ort fanden sie ideale Bedingungen: Relativ flache, saubere Gewässer mit Wassertiefen von höchstens 20 Metern, die perfekte Temperatur und ein idealer Salzgehalt, dazu viele planktonreiche Schutzgebiete. Und sie fanden sogar einheimische, gesunde Austernbänke. Diese Austern wurden eingesammelt und ins japanische Mie geschickt. Dort fanden die Experten heraus, dass die arabischen Austern gute Zuchtperlen produzieren würden. 2005 gelang es in den Emiraten dann nach mehr als zwei Jahren Forschungsarbeit, eine Perle künstlich zu züchten.

Perlen sind sofort perfekt – anders als Edelsteine

So ermutigt gründeten Al Suwaidi und Imura ein Unternehmen, das sich der Perlenzucht und dem Verkauf der Perlen widmen sollte, anfangs noch unterstützt von japanischen Experten vor Ort. Die erste Testernte und die Qualität der Perlen waren gut genug, um weiterzumachen. Die Kapazitäten der Farm wurden von 25.000 Austern auf 100.000 erhöht, heute hat man einen Bestand von 200.000 erreicht. Die Zukunftspläne sind ehrgeizig: bald soll die Anzahl der Austern auf eine Million erhöht werden. Geplant ist außerdem eine Akademie, die das erlangte Wissen über die Perlenzucht weitergeben soll.

Auf der Perlenfarm ist mittlerweile Routine eingetreten. Man weiß, wie es geht. Bei Austern sorgt unter natürlichen Bedingungen ein Störfall oder eine Verletzung für die Entwicklung einer Perle: ein Fremdkörper, ein Parasit, ein Stückchen Muschel oder ein Sandkorn dringt in die geöffnete Auster ein und führt zu einer Irritation. Die Zellen des äußeren Körperrandes produzieren daraufhin ein Perlensäckchen und umschließen den Fremdkörper damit. Das Säckchen produziert ein Perlmutt-Sekret, das sich in Schichten um den Fremdkörper legt und so langsam eine Perle bildet.

Bei der Zucht wird diese Irritation künstlich hergestellt. Die einen Spalt breit geöffnete, noch lebende Auster bekommt eine Maulsperre aus Holz gesetzt, so dass sie sich nicht wieder vollständig schließen kann. Ein Experte setzt mit einer Pinzette eine kleine Perlmuttkugel oder ein paar Zellen ins Innere der Auster. Für rund 18 Monate werden die Austern dann in der Lagune ins Wasser gehängt.

Die so erzeugten Perlen zählen zur Kategorie der Edelsteine, obwohl sie keine Steine sind, sondern im Grunde ein organisches Abfallprodukt. Und im Gegensatz zu den Steinen benötigen sie keinen Schliff, keine Formung, keine Politur. Sie sind sofort verwendbar. Ihr Wert richtet sich nach fünf Eigenschaften: Größe, Glanz, Oberfläche, Form und Farbe.

Perlentauchen als Tourismusfaktor

Auch dem Tourismus soll die Wiederbelebung der Perlenfischerei helfen. Die Gäste sollen das Verfahren hautnah miterleben können. Auf einem Boot voller Sitzkissen, verwöhnt mit arabischem Kardamom-Kaffee und Datteln, schippert man zu den Stellen, wo die Netze mit den Austern im Wasser hängen, die schon präpariert worden sind und seit mehr als einem Jahr dabei sind, eine Perle zu entwickeln. So im Wasser hängend sind die Austern vor ihren natürlichen Feinden sicher.

Für die Kormorane, die gerne einmal eine Auster naschen würden, hängen die Schalen zu tief im Wasser, für einen anderen Fressfeind, eine Muschel, die die Auster am Meeresgrund mit Gift injiziert und das verflüssigte Fleisch auslutscht, hängen sie zu hoch. Vor Ort werden die Netze mit den schon präparierten Austern aus dem Wasser gezogen. Jeder Gast darf sich seine persönliche Auster aussuchen, die vor seinen Augen für ihn geöffnet wird. Sollte eine Perle in der Auster enthalten sein – was in den meisten Fällen so ist – darf man die als kleines Präsent behalten. Sie wird noch mit etwas grobem Salz aufpoliert und in einem kleinen Lederfutteral übergeben.

An der Al Quawasim Corniche ist zudem kürzlich ein Perlenmuseum eröffnet worden, das zweitgrößte der Welt. Im dazugehörigen japanischen Restaurant Akoya wird auch der zarte, essbare Teil der Auster als Delikatesse serviert. Der Museumsbau ist eine abstrakte Version alter arabischer Baukunst – inklusive der Windtürme, die früher als Klimaanlage dienten. Im blau bemalten Treppenhaus, dessen Wände mit hunderten von schimmernden Austernschalen verziert sind, hängt eine Drahtskulptur, die einen kopfüber hängenden Taucher darstellt.

Im Inneren geht der Besucher auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Er lernt die Werkzeuge der Perlenfischer kennen, die Lederfingerlinge, die Nasenklammer, und das Boot, mit dem die Männer in See stachen, dazu archaische Messinstrumente. Die bisher größte Perle aus den Gewässern von Al Rams fand man 2007. Sie hat einen Durchmesser von 12 Millimetern und liegt hier auf einem roten Samtkissen. “Miracle of Arabia” wird sie genannt. “Sie ist unsere Königin”, sagt Al Suwaidi.

Erschienen in manager magazin online, 14.02.2012:
http://www.manager-magazin.de/lifestyle/stil/a-814890.html

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