Leben wie ein Pferd in Dubai

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Die Araber sind pferdeverrückt. Märchenhaft reiche Stallbesitzer bieten ihren Rössern, was die wenigstens Menschen haben – eigene Pools. Ein Blick hinter die Stallkulissen der Ölmillionäre, arabische Schönheitswettbewerbe für Pferde und auf Ausdauer-Wüstenrennen.

Dubai – Ein enervierender Krach füllt die Arena des Dubai International Convention and Exhibition Center. Hier findet im Rahmen der “8th Dubai International Horse Fair” ein Schönheitswettbewerb für die edelsten Araberpferde statt. Die Zuschauer auf den Tribünen klatschen wie entfesselt, als die kraftstrotzenden Schönheiten, die Augenpartie mit Kajal und Swarowski-Steinchen verziert, von ihren Trainern in die Halle geführt werden.

Die Stallbesitzer am Rande der Arena schlagen mit langen Holzstöcken, an deren Ende nervig raschelnde Plastiktüten baumeln, auf die Werbetafeln. So sollen die hochsensiblen Tiere, von denen die meisten ihren eigenen Swimmingpool besitzen, zum Galoppieren, Scheuen und Steigen gebracht werden, um ihre ganze Pracht und ihr rassiges Temperament vorführen zu können.

Die muskulösen Pferdeleiber sind mit Vaseline eingeschmiert, das makellose Fell der Schimmel glänzt silbern-metallisch im Scheinwerferlicht. Das Geschehen wird genau beobachtet von den königlichen Hoheiten der Höfe von Abu Dhabi, Dubai, Ajman und Katar, der High Society von Dubai und den wohlhabenden westlichen Araberfreunden, die auf den barocken Sofas auf der VIP-Seitentribüne Platz genommen haben.

Die Scheichs und Prinzen sehen für dieses Spektakel sogar von ihrem geliebten Blackberrys hoch – und dafür muss schon Spektakuläres geboten werden. Auf der Messe drum herum bieten Spezialisten alles für den gehobenen Geschmack des verwöhnten Pferdefreundes: neben nützlichem Zubehör für Pferd und Stall gibt es dort auch Motorrad-Chopper mit Araberpferd-Verkleidung, riesige Ölgemälde voller Pferdeköpfe oder kostbares Sattelzeug der Royal Cavalry des Königreichs Oman.

Die reiche Meute jagt in Luxus-SUVs den Reitern hinterher

Drei Tage später in der Wüste im Süden von Dubai: Das Gras im Stadion der “Dubai International Endurance City” glänzt feucht und sattgrün in der Wüstensonne. Fast wie eine Fata Morgana liegen die Turfs und Ställe nahe des Luxus-Hotelressorts Bab al Shams. Hier wird heute der “Crownprince Endurance Cup” ausgetragen.

Gastgeber ist der Kronprinz von Dubai, Sheikh Hamdan bin Mohammed bin Rashid Al Maktoum, genauso wie sein Vater Sheikh Mohammed ein leidenschaftlicher Pferdeliebhaber und einer der Rennen und Events, die das halbe Jahre über das gesellschaftliche Leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten bestimmen.

 

Rund 150 rassige Kreaturen aus den königlichen Ställen von Abu Dhabi, Dubai, Ajman oder Katar werden in diesem Ausdauer-Wettbewerb von ihren Jockeys auf den Wüsten-Loop gejagt, in einzelnen Etappen von 30 Kilometern, bis zu 120 Kilometer am Tag. Schwitzend und vor Adrenalin und Aufregung vibrierend kommen die Tiere nach jeder Runde wieder zurück ins Stadion und werden dort schon von einem Heer von Waterboys, Grooms, Stablehands und Tierärzten erwartet, die das Pferd in Empfang nehmen und mit dutzenden Eimern voller Eiswasser überschütten, um die Körpertemperatur und vor allem den Puls schnell wieder herunterzufahren.

Erst wenn der Pulsschlag unter 65 gefallen ist, darf der Reiter in die nächste Runde gehen. Nach der Dusche gibt es noch etwas entspanntes Auslaufen, Massagen und eine Portion Vitaminpowerfutter. Doch schnell beginnt der Stress von Neuem: Sobald die Pferde erneut das Stadion verlassen haben, stürzen mehrere Dutzend Scheichs, Trainer und Stallbesitzer in ihre Luxus-SUVs und jagen wie eine durchgeknallte Meute aus einem Mad-Max-Film hinter den Reitern her.

Ein Wahnsinn aus rasenden Pferden und jaulenden Motoren

Und mittendrin, in diesem Wahnsinn aus rasenden Pferden, aufjaulenden SUV-Motoren und aufgewirbeltem Wüstensand sitzt auch Sonja Timani hinter ihrem Steuer und jagt mit dem Konvoi durch die Dünen. Jederzeit könnte es knallen, eines der vorderen Fahrzeuge stecken bleiben und einen bösen Crash verursachen.

Egal, mit einem stillen Lächeln steuert die deutsch-neuseeländische Reiseunternehmerin aus Ras al Khaimah durch das Chaos. Sie ist wohl die wichtigste ausländische Akteurin in der Pferdesportszene der VAE. Auf jedem wichtigen Event und Rennen ist sie zu finden. Sie ist selbst Besitzerin von fünf Arabern und zwei Polopferden und ist nicht glücklich, wenn sie nicht mindestens drei Stunden täglich auf ihrem Liebling R. S. Jabbir durch die Wüste reiten kann.

Bevor der Erfolg ihres Reiseunternehmens ihre ganze Aufmerksamkeit erforderte, nahm sie auch selbst an Rennen und Wettbewerben in den Emiraten teil. Heute bleibt ihr nur Zeit für ihre privaten Ausritte und ihre Arbeit als Trainerin für Distanzritte. In der nächsten Saison will sie wieder voll dabei sein, dann will sie auch begabte, einheimische Reiterinnen stärker fördern und trainieren.

Erst kürzlich hat sie eine weitere moderne Variante des Pferdesports in den Vereinigten Arabischen Emiraten etabliert: Equi-Caching – Geo Caching auf dem Rücken edler Araberpferde, eine Schnitzeljagd durch die Wüste, ausgestattet mit einem GPS-Gerät auf der Suche nach Oasen, Kamelgerippen und kleinen Schatzkistchen. Ab Oktober soll dieses Abenteuer auch als touristisches Produkt für europäische Gäste angeboten werden.

Preisgelder bis zu zehn Millionen US-Dollar

Sonja träumt schon von ihrem nächsten wichtigen Endurance Rennen, dem Mongol Derby 2012, das sie 1000 Kilometer durch die mongolische Steppe führen wird und für das sie und ihr beiden Begleiterinnen Anne und Alyah, eine junge Emirati-Frau, schon jetzt trainieren. Den dritten Platz im Endurance Cup an diesem Tag gewann übrigens auch eine Emirati-Reiterin.

Der Höhepunkt im Pferdesportjahr in den Emiraten ist mit Abstand der Dubai World Cup, das Pferderennen mit den höchsten Preisgeldern der Welt. In den letzten von bis zu zehn Rennen an diesem Tag, liegt das Preisgeld bei bis zu zehn Millionen US-Dollar. Doch nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich ist der World Cup das herausragende Ereignis: Beautiful People, wohin man auch schaut.

Auf den Terrassen des futuristischen Luxushotels The Meydan hat sich alles versammelt, was Rang und Namen hat und sich die bis zu 1000 Dollar für einen Platz an den weiß gedeckten Dinnertischen leisten kann. Und ähnlich wie in Ascot rückt das sportliche Ereignis vor all dem Glamour, den die Ladies mit ihren verrückten Hutkreationen verbreiten, trotz der gigantischen Preisgelder sogar etwas in den Hintergrund.

Hier will man sehen und gesehen werden, sei man nun ein erfolgreicher arabischer oder europäischer Unternehmer, ein Mitglied der königlichen Familien der einzelnen Emirate oder vielleicht auch nur ein Gold Digger, eine Frau, die mit Körpereinsatz den Aufstieg in die Welt der Millionäre schaffen will. Wie alles in den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es auch die im Überfluss.

Von all der Hysterie lässt sich ein älterer Herr, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Sir Peter Ustinov hat, nicht ablenken. Von seinem einzelnen Stuhl mit Blick direkt auf die Rennbahnen aus beobachtet er intensiv durch sein Fernglas die einzelnen Rennabläufe, telefoniert hektisch und scheint am Abend, als alle Rennen gelaufen sind und das Feuerwerk beginnt, sehr zufrieden zu sein. Breit grinsend verlässt er die Terrasse des Meydan. Die zehn Millionen Preisgeld sind an diesem Abend in Dubai geblieben. Scheich Mohammed Al Maktoums fünf Jahre alter Hengst Monterosso holte die Siegerkrone.

Erschienen in manager magazin online, 08.05.2012:
http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/a-831726.html

und WELT am Sonntag, ICON Magazin

 

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