Grand Junction, Colorado: Das neue Aspen?

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Die Grundstückspreise steigen, an den Berghängen kleben die ersten teuren Chalets, und Downtown findet man die ersten Nobelrestaurants, wo ein Steak gerne mal 85 Dollar kostet: Das Provinzstädtchen Grand Junction in Colorado schickt sich an, dem Edelskiressort Aspen Konkurrenz zu machen.

Grand Junction – 30 Jahre lang hat Tammy an der Westküste gelebt, nun ist sie wieder in ihre alte Heimat Grand Junction zurückgekehrt. Nachts fährt sie Taxi, tagsüber kümmert sie sich um ihre kleine Enkelin Ophelia. “Ich mag dieses entspannte Smalltown-Feeling hier, die Menschen sind einfach netter und offener als in den großen Metropolen”, sagt sie und überholt Richtung Downtown eine Gruppe Mountainbiker.

Am Straßenrand reihen sich hübsch bemalte Holzvillen mit properen Vorgärten aneinander. In jedem zweiten flattert die amerikanische Flagge im Wind, der aus den nahen Rocky Mountains herüberweht. Entspannte Hausbesitzer sitzen auf den Verandas und streicheln ihre Katzen.

“Nur die Fahrradfahrer bringen ein bisschen Hektik in die Stadt”, grinst sie. Die fallen hier am Wochenende scharenweise ein, um in schweißtreibenden Tagestouren die Region rund um das Colorado National Monument zu erkunden und den Grand Mesa zu umrunden, den größten Tafelberg der Welt.

Die Infrastruktur dafür ist vorbildlich: überall findet man ein gut ausgebautes, dichtes Netz malerischer Rad- und Wanderwege mit so viel versprechenden Namen wie Roller Coaster oder Rattlesnake Arches. Einmal im Jahr treffen sich tausende von Fahrradfreunden hier zur so genannten “Tour of the Moon”.

Der Immobilienmarkt ist leer gekauft

Wie lange es noch so ruhig zugeht im kleinen Provinzstädtchen, weiß auch Tammy nicht. Immer öfter kommen gut situierte Gäste aus dem 200 Kilometer entfernten Nobelskiort Aspen herüber, um sich nach interessanten Häusern und Grundstücken umzuschauen – angesichts der gewaltigen landschaftlichen Dimensionen ist das keine Entfernung. Der Immobilienmarkt in Aspen ist leer gekauft, trotz absurd hoher Preise ist die Nachfrage nach hübschen kleinen Wochenend-Chalets deutlich höher als das Angebot.

Rhonda schaut amüsiert aus dem Fenster der Bankfiliale von Wells Fargo an der Main Street. Die große silberne Bullenskulptur vor der Bank glänzt in der milden Herbstsonne. Draußen zieht gerade eine bayerische Blaskapelle vorbei, gefolgt von Cheerleader-Paraden und einer Gruppe Hundebesitzer mit grotesk verkleideten, verfetteten Dackeln, die sich gleich zu einem Rennen auf der Colorado Avenue treffen wollen.

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Es ist “Oktoberfest” in Grand Junction. Zur Begrüßung der neugierigen Gäste intoniert der Bookcliff Chorus den offiziellen Eröffnungssong “Beer Barrel Polka”. Ein junges Mädchen ist gerade zum “Burgermeister” ernannt worden und schickt sich an, eine Rede an die Deutschland-Fans auf dem Marktplatz zu halten. “Dänki”, sagt sie schüchtern und versteckt sich schnell wieder hinter dem dicken Posaunisten von der Blaskapelle “Alpine Echo”.

Die Besucher, versorgt mit German Weizenbier und Weißwurst, honorieren die sehr kurze Rede mit wohlwollendem Applaus. Man will einfach gute Laune haben an diesem Wochenende. “Ob wir eine große deutsche Community hier haben? Nein, wir suchen hier immer nur einen weiteren guten Grund, um Party zu machen”, erklärt Kristin Brethauer, die das Fest im Namen des GJ German American Club organisiert hat. “Letztes Jahr kamen fast 15.000 Besucher, und zwar nicht nur, weil gleichzeitig das große Bike-Event “Tour of the Moon” stattfand.”

Kunst und Edelrestaurants für die verwöhnte Mittelschicht

Viel mehr als solche Feste und die grandiose Natur drum herum hat die Stadt 300 Kilometer westlich von Denver noch nicht für die neugierigen Aspen-Flüchtlinge zu bieten. Eine kleine Kunstszene hat sich schon etabliert, die regelmäßig ihre Ateliers für Neugierige öffnet. Auf den Bürgersteigen stößt man an jeder Ecke auf kleine Skulpturen.

“Art on the corner” nennen die kunstsinnigen Organisatoren diese Dauerausstellung von Kunst im öffentlichen Raum. Auf der Main Street haben die ersten Galerien eröffnet, wo ansonsten nur typisch amerikanische Diner und Bagelshops zu finden sind. Doch auch das kulinarische Angebot verändert sich langsam und gleicht sich dem Geschmack und den Bedürfnissen der kultivierten, verwöhnten Mittelschicht aus den großen Metropolen an, die immer öfter hier in der Provinz auftaucht.

“Modern American Cuisine” ist das Schlagwort, das vor allem vom Restaurant “626OnRood” auf der Rood Street vertreten wird. Hier findet man Speisen, wie man sie sonst nur aus den teuren Etablissements der großen Städte an der West- und Ostküste kennt. Im tiefsten Colorado hätte dies hier niemand erwartet.

“So gut habe ich selbst in L.A. lange nicht mehr gegessen”, schwärmt Fiona, Fotografin aus Burbank, Kalifornien. Nach einem Menü mit “Organic Baby Spinach Salad”, “Apple Wood Smoked Scallops” und “Lavender Lemon Crème Brulée” nippt sie ganz beseelt an ihrem “Mesa Park Riessling”, einem Weißwein aus der Region für 16 Dollar das Glas.

Schweinefilet in Kaffeekruste und Bodyguard-Akademie

Grand Junction gilt als der “Gateway to the Canyon Land and Wine Country”, rund 40 Weinberge produzieren hier Weine von ernstzunehmender Qualität. Am Nebentisch wird gerade ein Schweinefilet in Zimt- und Kaffeekruste verzehrt. “Divine” lautet der Kommentar des Gastes. Und dass hier ein Black Angus Bone-in Ribeye Steak mit Trüffelöl für 85 Dollar auf der Karte zu finden ist, stößt hier niemandem auf. Schließlich kostet schon das winzige Häufchen Gelbflossen-Thunfisch-Tartar als Vorspeise knapp 20 Dollar.

“Would move here from Denver only to eat this coffee coated pork tenderloin again”, versichert ein Gast im Internet euphorisch nach seiner kulinarischen Erfahrung mit dem “626OnRood”.

In Grand Junction stellt man sich so langsam auf die neue wohlhabende Klientel ein. Sollten die ersten Pop- und Filmstars auftauchen, wäre sogar schon für ihre persönliche Sicherheit gesorgt. Grand Junction ist das Hauptquartier der Executive Security International (ESI), einer Agentur für Top-Bodyguards, die hochkarätige Fortbildungskurse für VIP-Personenschützer veranstaltet.

Im Klammergriff aus der Gefahrenzone

10.000 Dollar müssen Ex-Militärs und ehemalige Türsteher für einen dreiwöchigen Weiterbildungskurs bezahlen, dafür sind die Dozenten erstklassig. “Das ESI ist so etwas wie das Harvard für Bodyguards” erklärt Scott, ein junger New Yorker, der extra dafür angereist ist, “wer sich hier ausbilden lässt, kann danach jeden VIP-Job machen.”

Für die stolze fünfstellige Kursgebühr lernt man dann, wie man Beyoncé während ihres Urlaubs in Kroatien oder Lindsay Lohan auf dem Weg zum Zahnarzt vor Paparazzi-Attacken schützt. Auf dem Parkplatz hinter dem “Country Inns of America” trainiert Elijah Shaw gerade eine Gruppe harter Jungs, die in seine Fußstapfen treten wollen.

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Der so genannte “Bodyguard to the stars”, der Prominente wie Usher, 50 Cent, Naomi Campbell, Diana Ross oder Kim Kardashian zu seinen Kunden zählt, kommt einmal jährlich nach Colorado. Hier zeigt er dem Nachwuchs, wie man seine hochkarätigen Kunden bei einem Angriff aus der Schusslinie bringt oder sie so schnell wie möglich in eine parkende Limousine bugsiert.

“Contact rear” schreit er sein Kommando über den Parkplatz, und die Jungs nehmen ihren Klienten von hinten in den Klammergriff und ziehen ihn aus der Gefahrenzone. Niemand in Grand Junction weiß, wie lang es dauern wird, bis solche Szenen zum Alltag in der Stadt gehören werden, wann in Downtown die ersten schweren schwarzen Limousinen vor den hippen Galerien und Restaurants parken werden.

Dass sich Aspen schon jetzt Sorgen machen sollte, ist für die entspannten Bewohner des Mesa County sicher. Rund um den Redlands Golfplatz Richtung Fruita sollen schon die ersten futuristischen Bungalows den Besitzer gewechselt haben.

Erschienen auf manager magazin online, 08.11.2013:
http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/reisebericht-grand-junction-in-colorado-macht-aspen-konkurrenz-a-929350.html

Ein Porträt über den “Bodyguard to the Stars” Elijah Shaw ist ausserdem im Magazin “Driving Performance” von AMG Mercedes 2014 erschienen

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