Nazaré: Warten auf Big Mama

Für einige Wochen im Jahr kommt Big Wave Surfer Garrett McNamara aus Hawaii ins portugiesische Nazaré. Dort macht sich Weltrekordhalter “GMac” jeden Morgen auf die Jagd nach “Big Mama”, der größten Welle aller Zeiten.

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Es ist sieben Uhr morgens im kleinen portugiesischen Küstenstädtchen Nazaré. Die meisten Menschen schlafen noch, nur eine alte Frau mit einem kleinen Schosshündchen ist auf der Promenade des Stadtstrandes unterwegs. Und Garrett McNamara. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang setzt er sich ins Auto und fährt hoch auf den Felsen, der die beiden Strände Praia do Norte und Praia do Sul voneinander trennt.

Von dort oben am Leuchtturm schaut er forschend wie ein Meteorologe hinaus aufs Meer. Jeden Morgen wartet er auf “Big Mama”, die größte Welle aller Zeiten. Wird sie heute kommen? Garrett ist Big-Wave-Surfer, sogar Rekordhalter in dieser Disziplin. Mit seinem Surfstil hat es der US-amerikanische Profi sogar ins “Guinness-Buch der Rekorde” geschafft: 2013 konnte der 47-Jährige vor Nazaré eine 30 Meter hohe Monsterwelle reiten, die größte Welle, die je ein Mensch mit dem Surfboard bezwang.

Seit fünf Jahren verbringen Garrett und seine kubanische Frau und Managerin Nicole ein paar Winterwochen zwischen November und April an der portugiesischen Atlantikküste. Besonders dann ist Nazaré einer der besten Hot Spots für Big Wave Surfer. “Portugal ist das Kalifornien Europas”, schwärmt Garrett, “geheimnisvoll, herausfordernd… einfach erstaunlich.”

Das Besondere an den Gewässern vor Nazaré ist der 300 Meter tiefe Unterwasser-Canyon, der direkt vor der Küste liegt und für die Angst einflößenden Wellen und Strömungen sorgt, nach denen Garrett jeden Morgen Ausschau hält. “Es ist hier, als ob man alle aufregenden Surf Spots wie Jaws, Puerto Escondido und Waimea zusammen nimmt – und das auf Steroiden.” Wenn er hier auf der Welle surfe, sei das, als ob er in einem rasend schnellen Auto sitze – gejagt von einer riesigen Lawine.

Ein Unterwassercanyon erzeugt die riesigen Wellen

“Wenn man nur kleine, freundliche Wellen surfen will, ist der Strand rund um die Hafenausfahrt ideal”, empfiehlt Garrett, “der Südstrand an der Promenade ist schon ein bisschen wilder. Die Riesenwellen findet man am Nordstrand, wo der Unterwassercanyon das Wasser zu riesigen Wellen aufwirbelt.” Dort gebe es allerdings keine Rettungsschwimmer, warnt Garrett. Und für das Tow Surfing, bei dem ein schneller Jetski den Surfer in die Brandungszone und wieder sicher hinaus bringt, benötige man auf jeden Fall eine Lizenz von der Stadt.

Einem Jungen aus Massachusetts ist es nicht unbedingt in die Wiege gelegt, ein Profisurfer zu werden. Doch der 1967 in Pittsfield, MA, geborene Garrett folgte seinem jüngeren Bruder Liam schon im Alter von elf Jahren nach Hawaii, nachdem die Jungs einige Jahre mit der abenteuerlustigen Hippie-Mutter unterwegs waren und dann im kalifornischen Berkeley den ersten Kontakt zum Pazifik und seinen Wellen bekamen.

Auf Hawaii verfiel Garrett dann vom ersten Tag an den gigantischen Wellen von Waimea. “Ich habe mich sofort in das Surfen verliebt”, erinnert sich Garrett, “alles, an was ich seitdem denken konnte, war: Wann kann ich das nächste Mal surfen, und wo? Und woher bekomme ich das beste Board?” Als 17-Jähriger nahm er erstmals an der prestigeträchtigen Hawaiian Triple Crown Series teil und konnte sich sogar platzieren.

Aus dem Hobby wurde schnell ein Beruf

Schnell wurde daraus ein Beruf, und unterstützt von hippen japanischen Ausstattern als Sponsoren machten sich die Brüder für die nächsten zehn Jahre bei unzähligen Wettbewerben einen Namen. McNamara spricht daher fließend japanisch. Als sich dann zu Beginn der 1990er Jahre durch das “Tow Surfing” (die Surfer werden mit einem Jet Ski an einem Seil hängend hoch auf die Welle gezogen) neue Möglichkeiten ergaben, auch Monsterwellen zu reiten, die ein Surfer niemals nur mit bloßen Händen paddelnd hätte erreichen können, war McNamara einer der ersten, die nun auch die höchsten Wellen der Welt herausfordern konnten.

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Das machte er, und zwar äußerst erfolgreich: Beim “Tow Surfing World Cup” in Maui – “Jaws” genannt – gewann er 2002 mit 70.000 Dollar das höchste jemals bei einem Surfwettbewerb ausgeschüttete Preisgeld. Und das im Alter von 35 Jahren, als er sich schon als aktiver Surfer zur Ruhe gesetzt und einen Shop für Surferzubehör auf Hawaii eröffnet hatte.

Von da an suchte Garrett immer wieder nach dem nächsten Adrenalinkick, zum Beispiel im südlichen Alaska – nicht gerade ein Ort, an dem man Surfer erwarten würde. Hier ritt er eine sechs Meter hohe Welle, die ein abbrechender Rieseneisbrocken eines kalbenden Gletschers ausgelöst hatte. “Das war keine gute Idee”, bemerkt Garrett heute lakonisch.

“Das Meer ist meine Kirche und mein Spielplatz”

Bei all dieser Jagd nach Big Mama geht es Garrett nicht um den nächsten Weltrekord, betont er. Es sei eher etwas Meditatives, das er in den Wellen sucht: “Das Meer ist meine Kirche und mein Spielplatz,” sagt er, “wenn man sich fokussiert und ruhig bleibt, empfängt einen da draußen eine absolut stille, in sich geschlossene, kleine Welt.”

Jeder Versuch, sich den nächsten Adrenalinkick zu holen, sei generalsstabsmäßig vorbereitet. “Es ist alles sehr genau geplant”, betont Garrett, “es ist eine sehr gut geplante Verrücktheit. Der einzige sichere Plan wäre, überhaupt nicht zu gehen.” Sieht er morgens am Leuchtturm, dass später am Tag hohe Wellen zu erwarten sind, laufen die Vorbereitungen an. Dann fährt er mit Nicole hinüber in die Lagerhallen am Hafen, trifft seine Crew, präpariert die drei Jetskis, schlüpft in seine Surfmontur und fährt rüber zum Nordstrand.

Mit Walkie Talkie in der Hand macht ihn Nicole dort auf vielversprechende Wellen aufmerksam. Einer der Jetskis, die ihn umkreisen, zieht ihn dann auf die Welle hinauf. “Ich bin von einem Team umgeben wie ein Formel 1-Rennfahrer”, so Garrett. Die Gruppe an Helfern hat die Stadtverwaltung organisiert, denn Garrett ist die beste Werbung für den örtlichen Tourismus.

Sturm? “Das sieht nach Spaß aus”

Falls Garrett das Gefühl hat, dass im Laufe des Tages keine reizvollen Wellen zu erwarten sind, läuft ein anderes Tagesprogramm ab: “Das ist dann die Zeit, den Körper fit zu halten, die nächsten Ziele zu definieren und sich anzustrengen, diese zu erreichen”, so Garrett. An solchen Tagen stehen Yoga, Work Out und Physiotherapie auf dem Programm, meist im “Thalasso Nazaré barra”, einem der wenigen Spas mit Thalassotherapie in Portugal.

Hier genießt er die Entspannung im Meerwasserpool mit Blick auf den Strand. Mittags ist ein Besuch in seinen Stammlokal ” Restaurant Celeste” Pflicht, wo die Eigentümerfamilie schon ein Garrett-Menü auf der Karte hat: Salat mit Sesam, Kichererbsensuppe und gebratener Wolfsbarsch mit Knoblauchkartoffeln, meist auch gegrillten Oktopus.

Garrett schwört, dass Wirtin Celeste hier auch den besten “arroz doce”, den besten Reispudding der Welt, zubereite. Für Tapas empfiehlt er die “Taverna do 8 ó 80”, wo er seine Hochzeit gefeiert hat – und das nicht nur wegen der beeindruckenden Weinkarte. Für den besten gegrillten Fisch schaut die Surferfamilie auch einmal im “Casa Pires a Sardinha” vorbei. Für diese Art von kostenlosem Destinations-Marketing wird er von den Einheimischen auf Händen getragen. Überall Umarmungen und Küsse, wenn er durch die Strassen geht. Niemand hat so viel für den Bekanntheitsgrad der kleinen Hafenstadt 75 Kilometer nördlich von Lissabon getan wie die McNamaras.

Ein fast sakrales Gewölbe aus Wasser

Als er und Nicole zuletzt auch noch mit einer neuen Geheimwaffe angereist kamen, hatten sie die Herzen der Nazarener endgültig gewonnen: dem kleinen Baby Barrel – der perfekte Name für den Sohn eines Profisurfers. “Barrel” heißt nicht nur Fass oder Tonne, sondern bezeichnet auch das röhrenartige, fast sakrale Gewölbe aus Wasser, das sich bildet, wenn sich eine Welle überschlägt und den Surfer komplett umschließt. “Von Barrels konnte ich nie genug kriegen. Und nun habe ich jeden Tag einen”, erklärt der stolze Vater.

In den vergangenen zwei Jahren hat ihm sein Sponsor Mercedes Benz eigene Surfboards gebaut, eines davon aus portugiesischem Kork, das auf die frontal auftreffenden Wellen flexibel reagiert. Abends sitzt er in Nazaré vor dem Computer und postet wieder einmal eine Wetterkarte mit bedrohlich starken Stürmen, die auf der Karte dunkelrot eingefärbt am nächsten Tag auf die portugiesische Küste zurollen sollen.

“Sieht nach Spaß aus”, kommentiert er und freut sich schon auf morgen – wenn er wieder am Leuchtturm stehen wird, wo er und Nicole sich das Ja-Wort gaben und Ausschau nach “Big Mama” hält. Wird sie morgen kommen? Er ist bereit.

Erschienen in manager magazin online, 05.05.2015:
http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/reisebericht-mit-garrett-mcnamara-in-nazare-a-1031851.html

und AMG Mercedes-Magazin “Driving Performance” 2015

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