Sanibel Island/ Florida: Mekka der Muschelverrückten

Sanibel Island vor der Südwestküste Floridas ist einer der besten Plätze für Muschelsammler. Mit mehr als 300 verschiedenen Spezies werden hier mehr Muscheln als anderswo angespült, darunter auch ein paar besonders seltene wie die Junonia.
Der Star der Muschelverrückten ist Pam Rambo. Ihr Blog „Iloveshelling.com“ wird hunderttausendfach geklickt.

Schon von weitem leuchtet Pams türkisgrüne Kleidung vom Strand hinauf bis in die Dünen. Türkis, das ist ihre „signature color“, ihr Erkennungsmerkmal. Selbst ihre Fußnägel sind so lackiert. Pam Rambo ist so etwas wie eine Berühmtheit, und das nicht nur auf Sanibel Island. Millionen Muschelverrückter folgen ihrem Blog „iLoveShelling.com“. Die „New York Times“ nannte sie sogar die „Shell-ebrity of Sanibel“.

Jeden Morgen ist Pam am „Lighthouse Beach“ unterwegs. Wie auch die anderen Muschelsammler, die schon so früh auf den Beinen sind, will sie checken, was das Meer über Nacht an neuen Muscheln angespült hat. In der Nacht war es stürmisch, und der Wind kam aus Nordwesten – ideale Bedingungen, am Tag danach auch auf ein paar besonders große und exotische Exemplare zu stoßen. Vielleicht ist diesmal eine Löwenpranke, eine Olive oder zumindest ein paar Engelsflügel dabei – oder sogar eine der seltenen Junonia-Muscheln, von denen jeder passionierte Muschelsammler hofft, einmal im Leben eine davon zu finden.

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Pam beugt sich immer wieder tief über einen Haufen frisch angespülter Muscheln. „Sanibel Stoop“ nennt sich die für die Muschelsammler so typische, nach vorne gebeugte Körperhaltung, benannt nach der Insel, deren ungewöhnliche Ausrichtung ihrer 12 Meilen langen Küstenlinie (von West nach Ost, statt von Nord nach Süd) dafür sorgt, dass hier mehr Muscheln als anderswo angespült werden. Zwar gibt es den einen oder anderen Strand in der Südsee, der es mit den Inseln im Pine Island Sound vor Fort Myers an der südwestlichen Golfküste Floridas, aufnehmen kann, was die Menge und Artenvielfalt der angeschwemmten Muscheln angeht. Doch nur hier ist das „Shelling“ ohne größere Boots- und Tauchtouren beim Spaziergang am Strand möglich.

Kein Wunder, dass die Strände der Inseln Sanibel Island und Captiva Island, Cayo Costa oder Big Hickory Island eine besondere Anziehungskraft auf die Muschelverrückten haben. Die besten Strände zum „Shelling“ auf Sanibel Island sind laut Pam der „Lighthouse Beach“, der Strand am Leuchtturm von Sanibel, und bei Ebbe auch der „Blind Pass“, die schmale Landbrücke zwischen Sanibel und Captiva Island.
„Hier lagern sich nach einem Sturm besonders viele Muscheln an,“ sagt Pam, „manchmal türmen sie sich zu regelrechten Schichten übereinander.“ Als sie das während einer ihrer früheren Ferienaufenthalte auf den Zwillingsinseln zum ersten Mal sah, hatte sie ihr Herz als Muschelsammlerin verloren.
„Ich war plötzlich im Muschelhimmel“, erinnert sich Pam an ihren ersten Aufenthalt auf Sanibel Island. „Seitdem war ich shellunatic – eine Muschelverrückte.“

Vor 22 Jahren kam Pam das erste Mal auf die Insel. Damals besuchte sie ihren Freund Clark, der sich für vier Wochen auf Captiva Island aufhielt, um das Haus eines Freundes zu hüten. Bei einem gemeinsamen Muscheltrip am Strand rangelten sie zum Spaß miteinander um einen Muschelfund. Pam schubste ihren Freund neckisch, doch der steckte gerade mit den Füssen tief im Sand, knickte um und brach sich so den Unterschenkel. Ein guter Grund für Pam, ihrem verletzten, zukünftigen Ehemann in den nächsten Wochen immer wieder Krankenbesuche auf Sanibel Island abzustatten. Solange er als Muschelsammler außer Gefecht gesetzt war, musste sie ja für beide auf die Jagd gehen.

Für die nächsten sieben Jahre reiste das Paar zweimal jährlich nach Sanibel, 2001 zogen sie dann ganz auf die Inseln im Pine Island Sound von Fort Myers. Schon seit ihrer Kindheit hatten die beiden Muscheln gesammelt, Pam an den Stränden von Virginia, Clark in New Jersey, doch hier wurde die positive Kindheitserinnerung zur Leidenschaft, ja fast zur Obsession. Es dauerte aber noch acht Jahre, bis Pam dieser Leidenschaft mit ihrem Blog „Iloveshelling.com“ einen Rahmen gab.
Seit 2009 hat Pam über ihre Website tausende Anfragen von Muschelfans über bestimmte Arten, Funde und Fundorte, und Reisen zu den besten Muschel-Hot Spots beantwortet. „Ich wollte auf dem Blog nur meine persönliche Begeisterung über den `Beach Bling` teilen, den ich finde. Nun bin ich für viele eine wertvolle Ratgeberin.“ Mittlerweile hat sie eine beeindruckende Sammlung aufgebaut und gilt weltweit als anerkannte Expertin, auf deren Wissen auch das „Bailey-Matthews Shell Museum“ in Sanibel gerne zurückgreift, eines der größten Mollusken-Museen der Welt.
Natürlich arbeiten das Museum und die Muschelexpertin eng zusammen, so Pam. Das Museum schätze ihr Wissen und vor allem, dass sie in der Öffentlichkeit mit ihren Aktivitäten auch viel Aufmerksamkeit auf das Museum lenke. Einmal habe sie sich sogar als „Kellnerin Shelley Temple“ mit einer blonden Korkenzieherlocken-Perücke dekoriert mit Seesternen und Jakobsmuscheln für eine Fundraising-Veranstaltung des Museums zur Verfügung gestellt. „Die Inselbewohner können sich wirklich glücklich schätzen, solch ein großartiges Museum in ihrer Nachbarschaft zu haben,“ sagt sie.

pam rambo shelly temple iLoveShelling museum
pam rambo shelly temple iLoveShelling museum

Für Pam und die anderen Muschelverrückten ist das „Shelling“ nicht nur eine immer wieder spannende Schatzsuche, sondern auch Therapie und Meditation: „Wenn ich am Strand nach Muscheln suche, empfinde ich nur Frieden. Es gibt nichts Atemberaubenderes als die offene See, die über Kilometer Berge von neuen Muscheln an den Strand gespült hat. Jeden Tag bin ich aufs Neue fasziniert von der Vielfalt der Formen und Farben“. Und mehr noch: die vielen Kreaturen wie Delfine, Seekühe, Seevögel und die Muscheln in ihrem natürlichen Umfeld zu beobachten, das sei ihre Therapie. „Die Muscheln, die ich finde, sind auch immer eine Erinnerung an einen Tag voller Frieden.“

„Muscheln sind die Schätze des Meeres, und hier ist jeden Tag eine Schatzsuche“, versucht Pam die Faszination des „Shelling“ zu erklären, „das macht das Ganze auch zu einem so spannenden Wettlauf.“ Freundlich werden andere „sheller“ darauf hingewiesen, dass sie sich gerade in einem fremden „Claim“ befinden und bitte woanders suchen sollten. „Und wie bei jeder Schatzsuche geht es auch hier vor allem um Geduld und Durchhaltevermögen.“ Und um die reine Freude an der Entdeckung, was einem das Meer da vor die Füße gespült hat. „Man sollte einfach alles akzeptieren und wertschätzen, was man findet. Nicht nur die seltenen und kostbaren.“

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„Jemand zuhause?“, fragt Pam den möglichen Bewohner einer Muschel, die sie gerade aus dem Seetang gezogen hat. Oh ja: die Schere eines Krebses winkt ihr abwehrend entgegen. „In solch einem Fall sollte man die Muschel vorsichtig wieder zurück auf den Sandboden legen, niemals in hohem Bogen zurück ins Meer werfen!“ Sonst bekämen die Lebewesen ein schweres Schleudertrauma – wie Menschen.
Seit 1994 verbietet sogar ein Gesetz das „Live Shelling“. Keine lebende oder bewohnte Muschel darf von den Stränden entfernt werden. Alle Muscheln mit lebendenden Bewohnern wie Seesterne, Seegurken, oder Sand Dollars werden am Strand zurückgelassen, so dass die Flut sie wie ins Meer befördern kann.

Vorher schleppten die Menschen viel zu viele Muscheln vom Strand nach Hause, so Pam, egal, ob leer oder bewohnt. Auch wenn noch lange kein Mangel an Muscheln am Strand herrscht, will Pam die Sammler in Zukunft auch dafür sensibilisieren, dass sie wirklich nur das sammeln und mit nach Hause nehmen sollten, was sie auch wirklich „brauchen“, zum Sammeln, für Dekorationen oder Kunsthandwerk.
Was man nicht vermuten sollte: „Shelling“ ist auch ein Millionengeschäft. Es gibt eine unüberschaubare Zahl an Sammlern, Verkaufsshows, Messen und Workshops. Auch für Pam ist ihr Hobby zum lukrativen Geschäft geworden: Sie bietet „Beach Combing“-Touren an und vertreibt über ihren Shop „Shellaboratory“ in Sanibel neben ihrer Muschelkunst auch T-Shirts, Literatur zur Klassifizierung der Arten, Kaffeetassen und Postkarten mit Muschelmotiven.

Pams Leidenschaft fürs Muschelsammeln beschränkt sich jedoch nicht auf Sanibel und Captiva Island. Mit ihrem Mann Clark hat sie schon Reisen auf die Bahamas, die Turks & Caicos, die British Virgin Islands, Belize, Kuba, ins kanadische Nova Scotia, nach Japan, Thailand und auf die Seychellen unternommen, und natürlich auch von dort einige Muscheln mitgebracht.
Clark ist mittlerweile zum Feindbild der anderen „Sheller“ geworden. Es ist schon ein Wunder, überhaupt einmal im Leben eine Junonia zu finden. Als Clark auf Pams Blog veröffentlichte, dass er nun sein viertes Exemplar gefunden habe, erntete er einen regelrechten Shitstorm. Für die Muschelsammler war das so, als habe Clark zum vierten Mal hintereinander einen Sechser im Lotto gehabt. Und das ist doch einfach ungerecht.

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Anfang Mai gab das „Lee County Visitors Bureau“ bekannt, dass ab diesem Juni unter dem Namen „Shellebration“ am 20. Juni der „National Seashell Day“ gefeiert wird. Bei der öffentlichen Bekanntgabe des Termins trug Pam eine Schürze mit dem Muster einer Junonia über ihrem typischen türkisfarbenen Outfit, und blies eine Melodie auf einer riesigen Conch, einem Tritonshorn.

Für diesen neuen Feiertag hat sich Pam etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sie hat einen VW Käfer Cabrio über und über mit Muscheln bekleben lassen und so in einen „Shellove Bug“ verwandelt.

Wer mit Pam auf Muscheltour gehen will, kann an ihren „iLoveShelling Beach Combing Adventure Tours“ teilnehmen, entweder mit „Captiva Cruises“ nach Cayo Costa oder mit „Sight Sea-R Cruises“ nach Big Hickory Island. Die dreistündige Tour kostet 50 Dollar für Erwachsene, 40 für Kinder.

Mehr Infos: https://iLoveshelling.com

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